Impfen, gendern, Gas & Co.: Die Irrsinnsspirale destruktiver Eingriffe in die Gesellschaft ist auf den vielleicht letzten überdrehten Runden angekommen. Inneres Loslassen hilft dabei, Depression in politische Energie zu verwandeln.

Vom begnadeten Philosophen, Dozenten, Satiriker und Blogger Reinhard Haneld (1952-2016) gibt es einen vernichtenden Nebensatz über seine Wahl-Heimatstadt Duisburg: Im Jahr 2013 nannte er sie einen Ort, wo „Hoffnung ein Wort ist, das nicht mal mehr die verbliebenen Deutschen noch buchstabieren können“.

Ich bin einer dieser verbliebenen Deutschen, wenn auch auf einer anderen Burg ausharrend: Hamburg grüßt Duisburg. Das Buchstabieren habe ich ebenso gut hier verlernt, selbst als durchaus Höhergebildeter. Wie unsere Außenministerin habe ich zum Beispiel an der London School of Economics studiert, aber natürlich nicht wie sie mit „Distinction“. Ich bin 56 Jahre alt. Weiß. Männlich. Hetero. Heimatverbunden. Historisch bewandert und gerade deshalb dem föderalen deutschen Nationalstaat zugetan, Liebhaber der deutschen Sprache und Hochkultur. Einer der vielleicht noch 15 Millionen Netto-Steuerzahler in einem Land mit derzeit gut 83 Millionen „hier Lebenden“. Verheiratet mit einer andersgeschlechtlichen Person. Und Familienvater mit Verantwortung für Kinder, die gerade ihre ersten Schritte ins Erwachsenenleben tun. Kurzgefasst: Ich bin, aus Sicht rotgrünschwarzgelber Gesellschaftsoptimierer, ein wertloses Auslaufmodell.

Wie eben leider die Mehrzahl derer, die zwangsweise immer noch Geld in diesen Staat einzahlen, obwohl sie bloßer Ballast beim Freiflug in die schöne neue Welt des Great Reset sind. In diesem Artikel versuche ich zu verstehen, wie es dazu kam, dass ich das Buchstabieren eines Wortes verlernte. Es ist ein schwieriges Eingeständnis, ohne Hoffnung zu leben. Man erschrickt vor der Wucht des Niedergeschriebenen, fühlt sich schuldig und verantwortungslos, möchte sich sofort ohrfeigen, sich anblaffen: „Jammerlappen! Du musst Hoffnung haben! Reiß dich zusammen und hoffe!“ Dabei ist es die Wahrheit: Mir ist alle Hoffnung abhanden gekommen, was meine eigene Zukunft und die meiner Kinder in diesem Land betrifft.

Dennoch wird dieser Text weder der Hilferuf eines Lebensmüden noch das Manifest eines Reichsbürgers. Ich war im Grunde immer sehr gerne Bundesdeutscher, der Anfang der Zweitausender deshalb auch voll Zukunftsoptimismus Kinder in diese Welt und dieses Land setzte. Weder ich noch sonst jemand in meinem unmittelbaren Umfeld ist in Gefahr einer Kurzschlusshandlung oder der „Selbst-Radikalisierung“; wer sich immer weiter radikalisiert und Kurzschlüsse im System produziert, sind einzig die Herrschenden und ihre Helfer. Auch wenn ich Momente und ganze Phasen tiefer Verzweiflung kenne: Es zeigt sich, dass ein Dasein ohne Hoffnung in der heutigen Situation und angesichts der alles zerstörenden Sozial-Ingenieure, die unser gesellschaftliches Zusammenleben okkupiert haben, kein Untergang sein muss. Es ist vielmehr ein stärkender Mechanismus der inneren Abwehr.

Denn wie sollte die Hoffnung auch aussehen? Nahezu mit Sicherheit werden es unsere Kinder nicht „später einmal besser haben“ als wir. Was wir hatten, materiell und an innerer wie äußerer Freiheit, wird gerade zerschlagen, kommt so bald nicht wieder. Sollen wir ihnen alternativ sagen: „Kinder, glaubt standhaft an den Verzicht zugunsten der Klimarettung, dann werdet ihr bald schon die Gletscher zurückkehren sehen“? Lächerlich. Zum Verzicht zwingen uns die Mächtigen in Wahrheit aus ganz anderen Motiven. Oder vielleicht: „Kinder, eines Tages, vielleicht schon in zehn Jahren, werdet ihr wieder ohne Impf-Abo und Maske durchs Leben gehen, und eure Zugangserlaubnis-Ampel auf dem Handy wird dauerhaft auf grün stehen!“ Je konkreter, desto entlarvender werden die „Hoffnungen“.

„Es zeigt sich, dass ein Dasein ohne Hoffnung in der heutigen Situation kein Untergang sein muss. Es ist vielmehr ein stärkender Mechanismus der inneren Abwehr.“

Aber: Nicht Hoffnungslosigkeit lautet die Reaktion, sondern Freiheit von Hoffnung. Wer sich von der Hoffnung auf Vernunft und damit auf ein Ablassen der Mächtigen von ihrer Narrheit freigemacht hat, zerschellt nicht immer wieder an der Wand der Fassungslosigkeit. Er öffnet seinen Geist nützlicheren und gesünderen Gemütszuständen – allen voran dem politischen Zorn. „It’s the hope that kills you“, warnen die Briten in ihrem sarkastischen Pragmatismus. „Rage against the dying of the light“, rät ihr großer Dichter Dylan Thomas. Randaliere, wüte, tobe gegen das Erlöschen des Lichts! Ja, so erträgt man es, nur so.

Der eingangs zitierte Reinhard Haneld schrieb seinen Halbsatz von der Hoffnungslosigkeit in Duisburg unter dem Eindruck jahrelang ergebnisloser Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die vergebens nach Verantwortlichen für die Katastrophe der Duisburger „Love Parade“ von 2010 fahndete. In einem kriminell fahrlässig verursachten Gedränge waren 21 Jugendliche umgekommen. Doch die politische Kaste der Stadt und ihr verschwägerter Verwaltungsapparat hatten ein perfektes System „organisierter Verantwortungslosigkeit“ geschaffen, in dem Befehlsketten zu Spiegellabyrinthen umgebaut worden waren und letztlich niemand angemessen zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Gerade so, wie es heute bundesweit gepflegter Brauch ist, da die Unfähigsten und Korruptesten inzwischen bis in höchste Ämter an ihren Posten kleben wie die „letzte Generation“ am Asphalt. Das frustrierte den Philosophen Haneld schon damals bis ins Mark, und er wütete noch ein letztes Mal gegen die aufgezwungene Dunkelheit an.

Dylan Thomas: Rage Against the Dying of the Light

Es war nicht das Einzige, was ihn an der Duisburger Stadtgesellschaft verzweifeln ließ, die inzwischen einen Mikrokosmos unseres gesamten Landes darstellt. Haneld hatte damals – eine Art existenzieller Selbstversuch – jahrelang mitten im Abbruchmilieu des Migrantenstadtteils Hochfeld gelebt statt in einem bürgerlichen Quartier, das ihm als Dozenten an der Volkshochschule nahegelegen hätte. So hatte der unerschrockene Daseinsforscher den lebensfeindlichen sozialen Versuchsaufbau am Abgrund teilnehmend untersuchen können: Arbeitslosigkeit, Massen-Armutszuwanderung, ein aussterbender deutscher Bevölkerungsrest, Müllberge auf den Straßen, allgegenwärtige Kleinkriminalität und Drogensucht in einem rund um die Uhr geöffneten Reallabor. Willkürlich herbeigeführtes und aufrechterhaltenes Staatsversagen. Es gibt keine besseren, vielschichtigeren, komischeren, trostloseren, kenntnis- und aufschlussreicheren Reportagen über dieses explosive und damals vielerorts noch unvorstellbare Bevölkerungsexperiment als Hanelds unter dem Pseudonym „Kraska“ verfassten Blog-Artikel. Sie sind bis heute abrufbar.

Eine ganze Weile lang hatte er das Leben zwischen afrikanischen Vertickern, anatolischer Ghettoblaster-Nachtmusik und urdeutschen, gewalttätigen Säufern ausgehalten, dann war Haneld im vorgerückten Alter doch noch in einen restbürgerlichen Teil Duisburgs geflüchtet, wo er bald darauf starb. Seinen letzten Sätze als Blogger wiederhole ich hier: „Man muss nach vorne schauen. Auch wenn es graust.“

Da war also selbst bei ihm bis fast zuletzt noch immer dieser Restposten an Hoffnung, festgekrallt wie jenes letzte Quantum Selbstbetrug, das der Süchtige nicht loslassen will. Eine letztlich sinnlose, weil unerfüllbare erzieherische Ansage an sich selbst – so wie Generalisierungen, die mit „man muss“ beginnen, häufig den Keim des „man kann nicht“ in sich tragen. Letztlich auch bei Haneld, der in Fragen einer multiethnischen Gesellschaft vermutlich der aufgeschlossenste Alt-Bundesbürger überhaupt war. Obgleich viel zu intelligent, um die Lügen, Beschönigungen und Sprachverbote nicht zur Kenntnis zu nehmen, mit denen das Thema – wie mittlerweile jedes „sensible“ Thema – offiziell umstellt ist. Im Gegenteil: Solange er konnte, machte er sich einen Spaß daraus. Dann verließ ihn seine Widerstandskraft.

Neun Jahre sind seit dem resignativen Aussagesatz über Duisburg vergangen. Hochfeld ist zwar nicht überall, aber doch zur x-fach reproduzierten Blaupause des blindwütigen Laufenlassens und politischen Visionierens geworden. Die fortpflanzungsfähigen Generationen in (West-)Deutschland haben sich seit den 1970er-Jahren zunehmend für Kinderlosigkeit entschieden. Aus Hedonismus, aus Egoismus, aus Angst vor Verantwortung oder vor dem Weltuntergang – wer weiß es im Einzelfall. Inzwischen sind viel zu wenige nachgewachsen, die ihre Renten finanzieren, ihren Ramsch konsumieren und ihre Drecksarbeit übernehmen könnten oder wollten.

Seit Merkels endgültiger Grenzöffnung 2015 wird unsere Hightech-Nation daher nun mit Millionen von Armutszuwanderern aufgefüllt, denn andere wollten aus guten Gründen nicht zahlreich in dieses unfrohe Land kommen. Bald schon aber dürften die Neuankömmlinge aus Nigeria, Syrien oder Afghanistan feststellen, dass die Unterstützungskassen leer und die deutschen Winter neuerdings besonders lang und kalt sind. Klimawandel ist nicht der Grund, auch nicht die selbstverschuldete, massive Energiekrise allein, durch die eine Industriegesellschaft bald nicht einmal mehr ihr Grundrauschen aufrechterhalten kann. Peter Scholl-Latour war mit seinem berühmten „Kalkutta“-Zitat im Jahr 1998 der Zeit voraus.

Jeder kennt jetzt in seiner Groß- oder Mittelstadt Viertel, die aussehen wie vom Philosophen Haneld beschrieben. Es sei denn, er verlässt nie die Quartiere mit den luxussanierten Altbauwohnungen und identischen Neubauschachteln des normgemäß linksliberalen Bürgertums. Dort ist diese Klasse immer noch wenn nicht ganz unter sich, so doch vor den Erschütterungen und Explosionen in ihren brodelnden Soziallaboren weitestgehend geschützt. Anders als die Millionen, die der Experimentierfreude „progressiver“ Alchimisten unmittelbar ausgesetzt sind, aber nicht gefragt wurden, ob sie teilnehmen wollen.

„‚Vielfalt ist unsere Verantwortung‘ plakatiert eine Stadtteilschule im armen Hamburger Osten – komplett mit Regenbogen. Und nicht etwa: ‚Wir sorgen für Wissen‘ oder ‚Wir entwickeln Persönlichkeiten‘.“

Die schiere Existenz dieser in vielfältiger Weise chaotisch-destruktiven Entwicklung, der niemand Einhalt gebietet, ist ein erster – aber nur ein erster – Grund für Hoffnungsfreiheit bezüglich der Aussichten in diesem Land. Die Folgen der ungebremsten, unregulierten Migrationskrise kaskadieren in alle Bereiche der Gesellschaft hinab. Sprechen wir zum Beispiel über unser Schulsystem. Hier treffen die Masse an Einwanderern und der Mangel am Grundlegendsten auf einen immer noch urdeutschen Bürokraten-Adel in den Schulverwaltungen und Kollegien, die standardmäßig aus linksgrünen „Verbeamteten“ mit Vollversorgung, Gleichmacherzwang und eingebauter moralischer Noblesse bestehen. Die seltenen Ausnahmen bestätigen die Regel.

Seine Unfähigkeit, in dieser Lage noch so etwas wie Bildung zu vermitteln, kaschiert dieser Apparat durch ein alternatives Leitbild, das sich ganz ohne seine Anstrengung zu erfüllen verspricht: „Vielfalt ist unsere Verantwortung“ plakatiert eine Stadtteilschule im armen Hamburger Osten – komplett mit Regenbogen. Und nicht etwa: „Wir sorgen für Wissen“ oder „Wir entwickeln Persönlichkeiten“. Gleich gegenüber von diesem bunten Banner ging mein Sohn aufs Gymnasium: intelligent, sprachgewandt, diskussionsfreudig, mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, aber geplagt von unterdrücktem Bewegungsdrang und Sprunghaftigkeit. Wie hat die spezifisch hamburgische Ausprägung der Vielfaltsbürokratie den ihr anvertrauten Jungen verarbeitet?

Es versteht sich von selbst, dass erst ein staatliches und dann ein evangelisches Gymnasium ihn als lästigen Störfaktor abstieß. Vor Störungen suchen die Pädagogen ihre regelkonforme, widerspruchslose Schülerschaft zu bewahren, vor allem aber sich selbst. Der Störfaktor hörte unterdessen nicht auf, den Lehrbetrieb genau zu beobachten. Daher wäre im Zusammenhang mit diesem Betrieb auch über das Plakat zu sprechen, das mein Sohn auf dem evangelischen Schulflur fotografierte:

Kein Mitglied dieses westdeutschen Lehrkörpers würde an dessen Zeilen etwas Totalitäres bemerken. Niemand unter den Pädagogen auch hinterfragte sein zutiefst kinderfeindliches Impf- und Maskenregime. Und wiederum versteht es sich von selbst, dass kein Lehrer, keine Lehrerin je die Stärken und Talente meines Sohnes gefördert oder seine Einschränkungen bearbeitet hat. Seine Fehlleistungen hingegen beklagten sie ausführlich und krokodilstränenreich: wie schwierig seine Eigenart für die „Gemeinschaft“ sei, wie problematisch das das Sich-nicht-Einordnen ins große Ganze, wie leider unkorrigierbar seine Defizite in Konzentration und Mathematik. Er war ja auch kein Angehöriger einer förderungswürdigen Minderheit, war weder autistisch noch trans – und irritierend persönlichkeitsstark noch dazu. Ein Störfall auf zwei Beinen eben. Da wirkte es fast wie bösartige Komik, dass ein solcher, gegen Corona standhaft ungeimpfter Schüler aus Infektionsschutzgründen nicht beim Besuch seiner Klasse in einem KZ dabei sein durfte und solange im Unterricht der Parallelklasse geparkt wurde. Man kann es sich nicht ausdenken.

Ohnehin waren die Pädagogen schon mit Rundmails an die Elternschaft ausgelastet: War eben erst der Vortrag einer Antifaschistin vor der Klasse anzukündigen gewesen, folgte sogleich eine Diskussion mit Aktivisten der Transgender-Bewegung, dann wieder ein „von den Schülern selbst organisierter“, in Wahrheit gegen den Mehrheits-Willen der Klasse meines Sohnes inszenierter Spendenlauf für die Ukraine. Ein ganz ähnliches Drei-Tage-Progamm unserer Kinder war uns Eltern am staatlichen Gymnasium per Mail mitgeteilt worden. Gut, sie haben meinem Sohn am Ende mit Ach und Krach den Mittleren Schulabschluss (ohne Abschlussfeier) zugestanden; vermutlich, um ihr edles Selbstbild des „Niemand wird zurückgelassen“ gewahrt zu sehen. Wollen wir also versuchen, ihm – ungefördert – eine Lehrstelle im Hamburger Handwerk zu verschaffen, solange es noch ein Handwerk gibt. Konkret und kunstvoll mit Werkzeugen Erschaffenes liegt ihm ohnehin so viel näher als ein postgraduierter, präkerer Bullshit-Job vor dem Laptop.

Aber wenden wir auch die Schule, dieses besonders hoffnungsbefreite Teilsystem unserer Gesellschaft, gerade seines Zerfalls wegen ins Positive. Einem jungen Mann, der den Mumm und den Grips hat, die pädagogische Abspeisung mit sterilisiertem Einheitsbrei zu hinterfragen, dankt das Bildungswesen mit wertvollen Erkenntnissen fürs weitere Leben: Hilf dir selbst, denn die Schule wird es nicht tun! Dieser Staat ist nicht dein Freund! Finde die Nischen und die Gleichgesinnten, wenn es auch wenige sind, und erkenne Spielräume abseits der abgezirkelten Wege! Betrachte es als Ehrenurkunde, von diesem System gebrandmarkt und ausgegrenzt zu werden! Du wirst vermutlich wesentlich länger leben, als es noch Bestand haben wird.

An seiner Sprache sollst du es erkennen. Dieses Volk, das über Jahrhunderte eine der ausdrucksstärksten und variantenreichsten Kultursprachen herausbilden konnte – zu Liebesgeflüster ebenso tauglich wie zu wissenschaftlicher Präzision –, hat die Ergebnisse dieser Evolution vor die Säue geworfen. Im kulturellen Schwitzkasten unseres ökonomischen und militärischen Hegemons USA haben wir im Büro wie im Privaten mittlerweile die Hybridsprache Denglisch heimisch gemacht. Und wo sich das Restdeutsche hält, wird es infantil: Gehe ich durch die Stadt, werde ich auf Schritt und Tritt von Plakaten mit „du“ angesäuselt; je ordinärer die beworbenen Produkte oder Dienstleistungen, desto selbstverständlicher die zweite Person.

Handelt es sich aber um politische Propaganda, wie sie in den Zeiten der hysterischen Lockdowns zur Massen-Agitation für die Regierungspolitik fröhliche Urständ feierte, ist das infantil-totalitäre Du bereits alternativloser Standard. Und jede dritte Aushilfskraft in Verkaufsgeschäften, Gastrobetrieben oder unbekannterweise am Telefen duzt mich, den 20 bis 30 Jahre Älteren, unaufgefordert: Du, wir sind jetzt eine große Gemeinschaft, ein klassenloses DDR-Kollektiv! Ich aber will mein „Sie“ zurück, diese genialen zwei Stufen der Nähe des Deutschen, die mir die Distanzierung von schleimiger Aufdringlichkeit und die exklusive sprachliche Umarmung meiner Lieben ermöglichte. Im Dickicht der wuchernden Euphemismen und Unsagbarkeiten, durchgepeitscht von einer Orwellschen Gedankenpolizei, fehlen mir zunehmend die Worte.

Dass sie uns systematisch unsere Muttersprache rauben, ist überhaupt das Perfideste an den neuen Herrschenden und Erziehenden. Öffne ich den Online-Duden, muss ich Belehrungen ertragen, ich solle dysfunktionale und jeder Etymologie spottende „Gender-Schreibweisen“ verwenden. Bald schon werden sie amtliche Vorschrift sein. Besuche ich die Webseiten von Konzernen, Behörden und „zivilgesellschaftlichen“ Organisationen, finde ich dort alle diese Abnormitäten bereits im Regelbetrieb. Einst duzte mich nur IKEA mit Sternchen. Morgen wird es die Deutsche Bank tun – falls es nicht schon so weit ist, ich wage nicht nachzuschauen. Aber gerade ihr, muss ich zugeben, stünde das Ganoven-Du wie ein maßgeschneiderter Nadelstreifenanzug. Sie biegen sich rückgratfrei in den Wind, die machtbewussten „Kapitäne“ (und Kapitäninnen) der deutschen Wirtschaft und ihres Kapitals. Sie beugen sich noch ganz anderen politisch-ideologischen Zumutungen, wie der bedauernswerte Knastbruder, der in der Dusche die Seife aufhebt. Nur das „nachhaltige“ Geschäftsmodell, das auf dieser Beugung basieren soll, kann ich nicht erkennen.

„Dass sie uns systematisch unsere Muttersprache rauben, ist das Perfideste an den neuen Herrschenden und Erziehenden.“

Lassen wir die verquere und verwahrloste Sprache der nahezu gleichgetakteten Massenmedien samt dem, was sie meistenteils inhaltlich daherstammeln, am besten gleich links liegen. Dass auch die schon erwähnten E-Mails der Pädagogen einschließlich der Deutschlehrer vor Fehlern strotzten – geschenkt, waren sie doch immerhin an den vom Gott der Antidiskriminierung verlangten Stellen mit Sternchen überzuckert. Und natürlich will die Literatur, oder was heute als solche durchgeht, bei all diesem Wahnsinn nicht hintanstehen. Die ersten durchgegenderten, ideologisch statt orthografisch korrigierten und von allen „sensiblen“ Stellen gesäuberten Romane stehen schon in den Regalen. In der zweiten Welle werden die Neuauflagen der Klassiker kastriert – oder, sollte dies nicht möglich sein, nach dem Todesurteil durch den Twitter-Volksgerichtshof den virtuellen Flammen übergeben. Karl May starb kürzlich zum zweiten Mal, während Karl Marx als unflätiger Untoter weiterspuken darf.

Kein Zweifel aber: Bei sich bietender Gelegenheit beherrschen der Deutsche und sein Sternenweib noch immer aus dem Stand die Sprache von vor 80 Jahren, das Wörterbuch des Unmenschen. Nie werde ich den Brief vergessen, den ich zu Corona-Spitzenhysteriezeiten vom Hamburger Gesundheitsamt erhielt, stellvertretend für meinen schulpflichtigen und kerngesunden Sohn, der aufgrund irgendeines möglichen Kontakts „in häusliche Absonderung“ beordert wurde. Bei Nichtbefolgung: „Unterbringung in einer geeigneten abgeschlossenen Einrichtung“. Die Kälte von Henkern sprang mich aus diesen Zeilen an – auf meinen Sohn gezielt, mein Leben, mein Herz. Aufbewahrt für alle Zeit:

Andere indes bekamen noch ganze andere Bescheide – und Urteile. Menschen, die aus Verzweiflung gegen das brutal diskriminierende Maßnahmenregime aufzubegehren wagten, hat dieser Staat, erstmals seit seiner vermeintlichen Läuterung durch die Anerkenntnis nationalsozialistischer Schuld, zu Tausenden ihre Existenzen genommen oder es zumindest nach Kräften versucht. Wie das möglich geworden war? Vielleicht fragen Sie den „Zugchef“ mit dem gemütlichen kölschen Akzent, der im ICE mitten im Sommer geradezu aufblühte, als er über den Bordfunk allen potenziellen Maskenverweigerern mit dem Tremolo der ihm zugefallenen Macht in Aussicht stellte, man werde sich von diesen „am nächsten Bahnhof gerne trennen“. Eisige Schauer rieseln da im Sessel der zweiten Klasse den Rücken hinab.

Im Überlebenskampf ist ein waidwundes System von Staat, Parteien und ihren Günstlingen zu allem fähig. Während die übrige Welt längst weitergezogen ist, wird das deutsche Kartell die Corona-Knute so lange nicht loslassen, wie das darauf basierende System des permanenten Ausnahmezustands ihm vermeintlich die Macht gibt, seinen Bürgern die Grundreche des Aufbegehrens und der Mobilität zu verweigern. Und sollte Corona dafür einmal nicht mehr hinreichen, wird es der „Klima-Lockdown“ sein, den Habeck bereits ins Spiel brachte. Im Stillen, ohne öffentlichen Alarm, ist die Bundeswehr bereits für jene unausdenklichen Einsätze umgebaut worden, von denen der Kanzler derzeit noch behauptet, niemand habe die Absicht, diese rote Linie zu überschreiten. Doch derselbe Kanzler hatte gleich bei Antritt seines Amts verlautbart, in der Coronapolitik kenne er „keine roten Linien mehr“. Mit der Klimarettungs-Religion präsentieren uns seine „Ampel“ und darin besonders die grünen Eiferer ein weiteres Gottesurteil, dem zu widersprechen Höllenqualen nach sich ziehen soll. Demokratische Wahlen haben in diesem quasireligiösen, von jeder kritischen Vernunft verlassenen Glaubenswächterstaat ebenso ihre Funktion verloren wie wissenschaftlicher Diskurs über Theorien und Fakten.

Ach, zu Corona ist ja ansonsten schon alles von allen gesagt. Historiker werden einst Analysen zu der Frage schreiben, weshalb eine Kulturnation zu Kreuze kroch im Bann eines miserabel gemanagten Schreckens. Man hatte ihr erfolgreich Angst gemacht, lautet die einfachste Antwort. Die komplexere Analyse wird in jenen zukünftigen Geschichtsbüchern davon handeln müssen, wie ein Parteiensystem über die Jahrzehnte zu einem korrupten Kartell der politischen Rundum-Bewirtschaftung seiner Bürger degenerieren konnte – mit dem Geld eben dieser Bürger alles einvernehmend, von den Funkhäusern über die Stiftungen und die „Nichtregierungsorganisationen“ bis zu den Institutionen des Rechts und der Gewaltenteilung. Dieses System, das gerade seine größte Macht entfaltet, ist paradoxerweise zeitgleich an seinem Punkt ohne Wiederkehr angelangt. Und das weiß es. Von hier an werden Brücken abgebrochen, wird Erde verbrannt, wird das Tafelsilber zerschlagen. Denn ein gesichtswahrendes Zurück gibt es nicht mehr, aber Köpfe müssen aus Schlingen gezogen und Spuren verwischt werden.

Doch, ja, das ist wahre Hoffnungsferne: in einem Land zu leben, in dem – von der Mehrheit wohlgefällig aufgenommen – eine Impf-Apartheid eingeführt und damit Millionen Menschen von der Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen werden konnten. In einem Land andererseits, in dem künftig 14-jährige Kinder ohne Eingriffsmöglichkeit ihrer Eltern ihr rechtsverbindliches Geschlecht „wählen“ dürfen. In „einem der reichsten Länder der Welt“, in dem mich demokratisch gewählte Spitzenpolitiker belehren, ich solle mich mit einem Lappen und Kaltwasser waschen statt warm zu duschen. In einem Land, in dem ein Spitzenpolitiker nebenbei erklärt, dass in Zukunft dann wohl Millionen Menschen weniger verdienen werden, als sie an Energie- und Lebenshaltungskosten zu zahlen haben. In einem Land, in dem bei fast völliger Teilnahmslosigkeit der Frankfurter Zentralbank die wahre Inflation längst gut zweistellig sein dürfte. Gäbe es in diesem Land auch nur ein Mindestmaß an ökonomischer Volksbildung, wäre allein gegen die EZB schon ein eigener Aufstand fällig.

Aber noch einmal: Dieses Fehlen aller Hoffnung ist keineswegs zwingend ein depressiver Zustand. Akzeptiert man ihn, ist er ähnlich befreiend wie die Abkehr von einer Religion nach langem Leiden an ihren weltfremden Dogmen. Die neue Hoffnungsfreiheit bringt die sinnliche Wahrnehmung der Welt wieder mit ihrer kognitiven Verarbeitung überein, lässt die Dissonanzen verschwinden. Im Gegensatz zur deutschen Erbkrankheit des Romantizismus – besonders Grüne leiden daran – ermöglicht sie die illusionslose Analyse von Ursachen und Auswegen. Freiheit von Hoffnung ist jene Freiheit, die uns auch die radikalsten Verbotsfetischisten nicht rauben können. Nutzen wir sie!


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