Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.

Der Jubilar (Bild nicht KI-generiert, Abb. ohne Gummizelle und Zwangsjacke)

Gefühlt vor kurzem erst wurde ich 50. Ich beging das vollbrachte halbe Jahrhundert auf meiner privaten Autoren-Hallig Langeneß im stilvollen Ambiente des sogenannten Landunter-Barock. Zur Feier meiner fortgeschrittenen Volljährigkeit ließ ich meine Hoffotografin die obige Ikonographie von mir anfertigen.

Heute nun kommt mir die historische Aufnahme sehr gelegen, um die 50. Ausgabe dieser Kolumne zu illustrieren, deren Autor ich übrigens bin. Mein Zwangsjacken-Paradies, es lebe:
hochhochhoch!

Aus Anlass dieser runden Sache habe ich beschlossen, dass in der vorliegenden Ausgabe alle Beiträge von der Zahl 50 handeln. So wie eben auch mein Geburtstag, den ich so erfolgreich feierte, dass ich in diesem Monat einfach noch einmal 50 gleich 60 wurde. Hat auch kaum schlimmer wehgetan!

Hamburgs Elite will sich mal wieder um die Olympischen Sommerspiele bewerben – um welche eigentlich diesmal? Infrage kommen die Jahre 2036, 2040 und 2044. Kommt auf die Umstände an, heißt es. Zum Beispiel wäre 2036 der absolute Knaller, weil genau dann vor 100 Jahren (= 50+50!) ja auch ein ÖsterreicherDeutscher die Spiele von Berlin eröffnet hat. Andererseits, wenn wir gerade dann im lange angestrebten Krieg gegen ausgerechnet Russland lägen, wäre das irgendwie doof bzw. schlechtes Timing. Die Bekanntgabe erfolgt also erst in Kürze.

Jedenfalls läuft schon mal der Propagandafeldzug. Und das überzeugend wie immer, wenn man uns Bürger zu einem veritablen Volksentscheid an die Urnen ruft, die nur eine akzeptable Antwort kennt: Ja, Brot und Spiele! Sylvia aus Billstedt (links) zum Beispiel verspricht uns noch mehr Vielfalt durch Olympia. Aber ist denn die überhaupt noch steigerbar? Wohl nur, wenn wir zur Abwechslung auch noch eine sächsische AfD-Delegation und die sudetendeutsche Landsmannschaft ins Stadion einlaufen lassen würden. Echte Germanen sind allmählich etwas unterrepräsentiert unter den Völkern der Welt in der Hansestadt.

Gabi (rechts) wiederum ist Taxifahrerin in Langenhorn und weiß als solche etwas, das wir anderen noch gar nicht wissen können: Die Mieten bleiben stabil! Ja-haa, und zwar bis 2036, 40 oder gar 44! Oder mindestens vier Wochen lang während Olympia, weil solange ein Deckel gilt. Stabil bleibt es jedenfalls bei deiner Mudder.

Und da hatte ich gedacht, wenn Millionen globale AirBnB-Heuschrecken und Immobilienspekulanten über unser Städtchen herfallen, dann müsste das einen zusätzlichen Wohnraum-Preisdruck entfalten. Ach Gabi, du entspannst mich!

Einen Volksentscheid, mehr noch, einen Zukunftsentscheid hatten wir ja gerade erst kürzlich in Hamburg. Und da wurde auch ordnungsgemäß mit Ja gestimmt, denn auch da wurde uns auf Pappplakaten garantiert: „Klimaschutz wird endlich bezahlbar“ bzw. „Klimaschutz wird endlich sozial & gerecht“. Und deine Mudder erst!

Nun gibt es bei uns also jedes Jahr mehr Klimaschutz, noch mehr Klimaschutz, letztlich den totalen Klimaschutz. Wir verzichten einfach auf Essen, Verdauung und andere Emissionen, auf Produktion am besten im Ganzen, und Verbrenner können – nein müssen – sowieso weg. Die siegreiche Initiative ging unterdessen daran, auf weiteren 50 Millionen Pappplakaten die Details dieses kommenden Paradieses zu thematisieren – natürlich Seite an Seite mit der durchgeduzten Zivilgesellschaft. Deren Meinung wollten sie unbedingt hören. Im Dialog! Und zwar zu der Frage, die in Zeiten nahezu kostenloser Energie sicherlich die drängendste ist:

Leider war das Timing wiederum nicht ganz optimal. Denn Ende März wurde gerade die Straße von Hormuz gesperrt, Ölquellen und Raffinerien im gesamten Persischen Golf wurden in Brand gesetzt, Gasfelder zur Explosion gebracht, Millionenstädte in Schutt und Asche gelegt und allerlei Raketen mit üppigen Abgasen durch die Gegend geschickt.

Aber all das Drecksöl in den Tankern bedroht uns jetzt zum Glück nicht mehr mit Versorgung. Deshalb werden wir uns noch viel freudiger daranmachen, rechtzeitig vor dem Winter das letzte CO2 aus der kalten Wohnung zu feudeln. Und dann müssen wir extra viele Klima-Überstunden machen, um die Emissionen vom Golfkrieg überzukompensieren. Aller Welt zum Vorbild!

Und auch dies noch zum Thema der Parolen, die uns allen Orientierung fürs Leben geben. Leser der TWASBO-Serie Die Baerbocksche Dorfstraße haben diese Beschriftung der gleichnamigen Hamburger Shoppingmeile seit März 2021 verfolgt:

Das nachhaltig aufgepinselte Klimaziel verblasste nicht etwa nach einiger Zeit wieder gnädig, sondern blieb da so stehen. Jahrelang. In unmittelbarer Nähe des rotgrünen Rathauses. Und während ich in all der Zeit etwa 50 Mal pro Monat mit dem Fahrrad drüber wegfuhr, verrottete die Losung nur ganz, ganz langsam. Bekam Risse. Wurde ausgesprochen unansehnlich. Aber blieb. Störrisch. Alternativlos.

Bis jetzt.

Ja, Freunde, sie ist weg. Getilgt. Und durch eine vergleichsweise hübsche Teerschicht ersetzt (wie übrigens auch das genderneutrale Millionenklo, ehemals rechts oben im Bild, das schon vor Weihnachten eingeebnet wurde). Die Straße ist plötzlich propagandaneutral geworden. Wie zum Teufel konnte das passieren? Man komme mir nun nicht mit Einsicht, Nachsicht oder Rücksicht. Neinnein, ich kenne meine volkserziehenden Pappenheimer! Da steht bald wieder was Richtungweisendes. Ich kann es spüren. Es liegt in der Luft. Die Frage ist nur, was …