Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.

Faszinierend: Es gibt in diesem Land – wie hier in Hamburg – Menschen, die sich die erhebliche Mühe des Designs, der Produktionsbeauftragung und Distribution solcher Botschaften machen. Das Ganze lassen sie sich auch noch Geld kosten, denn Return on Investment gibt es ja nicht. Vielleicht warten die Urheber dann nach dem Anbringen ihres Werkes ein paar Meter weiter versteckt auf Vorbeikommende und tragen deren Reaktion akribisch in ein Oktavheft ein. In dem Fall muss ich als ein Geschenk des Himmels erschienen sein.

Was aber ist solch ein Land für ein Land? Ich weiß es nicht zu sagen.

Neulich besuchte ich, was ich meist aus gutem Grund meide wie die Pest: eine Medienkonferenz. Kaum irgendwo sonst ist gemeinhin die Bullshit-Dichte so konzentriert, der Anteil von Blendern und Schlangenöl-Verkäufern so hoch. Doch hier las sich das Vortragsprogramm auf dem Papier spannend, da sich fast alle „Lectures“ um das Reizthema KI und den medialen Umgang damit drehten. So kam es, dass ich einer ebenso jungen wie promovierten Philosophin der Humboldt-Universität Berlin lauschte, die sich in ihrem Referat mit der Frage befasste, ob etwas von der KI Geschaffenes als Kunst gelten könne.

Zunächst ging Frau Dr. phil. („ganz kurz, versprochen!“) standesgemäß auf den Kunstbegriff Kants ein, den sie darauf reduzierte („um euch nicht zu langweilen!“), dass Kunst die Absicht zu derselben voraussetze. Nach einem pflichtgemäßen Nebensatz über „Können“ im Weiteren kein Wort über die weiteren Notwendigkeiten gelungener Kunstproduktion, die wenn nicht göttlicher, so doch mindestens exklusiv menschlicher Natur sind: Mission, Passion, Inspiration, Intuition, Imagination, Transformation. Sodann zeigte die Vortragende Parallelen zwischen einem KI-generierten Produkt und einem Kunstwerk auf, und zwar am Beispiel der Sinfonien Franz Schuberts: Der sei im engeren Sinne nur bei seiner ersten Sinfonie künstlerisch tätig geworden. Alles danach sei mehr so Kunsthandwerk gewesen, die Rekombination von bereits generierten Versatzstücken. Und genau so arbeite eine KI ja auch!

An dem Punkt musste ich mir einen Weg aus dem überfüllten Auditorium bahnen – was nicht weiter auffiel, weil alle anderen gebannt an ihren Lippen hingen.

Aber im anti-intellektuellen Milieu ist’s ja auch nicht besser. Ein Schabernack des Schicksals verschlug mich unlängst nach Dortmund, wo ich mich abends in einer rustikalen Eckkneipe wiederfand. Am BvB-beflaggten Tresen stand ein lokales Großmaul, laut Selbstauskunft Handwerker, aber im väterlichen Unternehmen irgendwie in überregionaler Verantwortungsposition. Leider kam ich in der Enge nicht umhin, von seinen Ausführungen bezüglich des eigenen Wohlstands beschallt zu werden. Sein Vater, so textete der Mittdreißiger die Umstehenden voll, habe schon in den Neunzigerjahren mit dem Kauf von Gold begonnen – ob man sich auch nur annähernd vorstellen könne, wie viel das heute wert sei? Und voller Spekulantenstolz legte er zum Thema Aktien nach: „Bei Rheinmetall, da sind wir Opportunisten!“

Dann folgten völlig überraschend noch ein paar antikapitalistische Parolen, vielleicht der Versuch eines Auto-Exorzismus. Ich wollte gerade trotz halbvollen Bierglases zahlen, als der Nordstadt-Rockefeller noch seinen Senf zur deutschen Unternehmenskultur darreichte: „Bei uns ist es ja so: Wenn einer frisch von der Uni kommt, den lassen wir erst mal anderthalb Jahre fegen!“ Auch hier klang es eher so, als sei das alles schon in gottgewollter Ordnung und insgesamt ganz schön abgezockt, besonders von ihm selbst.

Das sind so die Tage, an denen ich alles Gehörte überdenke und mich dann leise frage: Ist es vielleicht doch gar nicht so verkehrt, dass die Deutschen aussterben?

Als sich in meinem Stadtviertel gerade erst ganz zart der Frühling und die Osterzeit andeuteten, gestaltete die neue Inhaberin des traditionsreichen Buchladens ihr Schaufenster der Saison entsprechend:

„Willkommen“ sind in diesem Geschäft jetzt laut Regenbogenbekenntnis „alle Körpergrößen, Hautfarben, Kulturen, Geschlechter, Überzeugungen, Religionen, Altersgruppen, Typen und Menschen“. Das ist vorbildlich, überfällig und gerade für die Branche der Buchläden, die sonst bekanntlich nur blauäugige Arier mit Gardemaß und Mitgliedsausweis der Deutschen Christen bedient, ungewöhnlich mutig. Bei meiner Vorbeifahrt erschein mir der Laden allerdings recht spärlich besucht. Viele alteingesessene Hamburger Kommunisten und anwohnende Omas gegen Rechts können vermutlich noch gar nicht glauben, dass sie da jetzt auch eintreten dürfen.

Das ist (noch) nicht mein Urteil über dich, ausnahmsweise von mir geduzter Leser – auch wenn ich dich hier Folge für Folge unverdient mit Qualitäts-Anekdoten zum Nulltarif verwöhne, die du routiniert und grußlos wegkonsumierst. Nein, diese wutrot flammende Botschaft in Schwalmtal-Waldniel, deren Handschrift die KI mit 89-prozentiger Wahrscheinlichkeit als weiblich einschätzt, gilt ziemlich sicher dem Ex der Autorin. Ein Graffito bringt halt auch komplizierte Liebesgeschichten gerne bündig auf den (fehlenden) Punkt.

Lasse aber du, Leser, es gar nicht erst so weit kommen, sondern investiere ab und an ein freundliches Wort des Zuspruchs in der Kommentarspalte! Vielleicht sogar noch vor dem nächsten Mal, wenn diese kleine Kolumne bereits ihr 50. Jubiläum feiern wird.