Wer heute noch das Weltbild der transatlantischen Eliten herbetet, hat die tausend neuen Brandherde auf dem Globus nicht im Blick. Zeit, sich auf Deutschlands Geschichte in der Mitte Europas zu besinnen – und die Beweglichkeit der Kompassnadel neu zu entdecken. Eine Standortbestimmung in zwei Etappen.

Nicht länger auf Westkurs: Eine flexible Navigation außerhalb der großen Generalrichtungen wäre für Deutschland noch am vernünftigsten.

Donald Trump und sein Kriegskabinett käuflicher, primitiver, grausamer und selbstverliebter Schießbudenfiguren zwingen die Welt und uns Deutsche, die verinnerlichte politische Landkarte zu überdenken. Das ist unter tausend schlechten Nachrichten wenigstens eine gute. Denn es wirbelt die bräsige Illusion auf, dass wir hier im Brackwasser des Zeitstroms schön gemütlich Austern schlürfen können, während andere für uns die lästige Weltpolitik erledigen. Warum auch unter dem gemütlichen nuklearen „Schutzschirm“ Washingtons hervorkriechen, wo doch für uns immer bestens gesorgt war? Keine Rede davon, dass viele seiner warheads auf unser eigenes Staatsgebiet zielen, nein: Die Großen machen das schon! Wir kleinen Deutschen beschränken uns auf die Rolle des Moralweltmeisters und sind für jedes Land der Erde ein ungefragtes Vorbild klimafreundlicher Lebensführung.

Diese alte Arbeitsteilung aber ist obsolet, seit „Uncle Sam“ sein wahres Gesicht zeigt – das wir in Wahrheit immer kannten, aber nie sehen wollten. Und weil dieses Gesicht auch nach Trump nicht wieder schöngeschminkt werden kann, müssen wir schon selbst sehen, wo wir bleiben. Zumindest im Geiste, denn dass der Hegemon uns einfach so gehen lassen würde … aber anfangen muss man ja mit einem ersten Schritt. In Teil 1 dieser zweiteiligen Standortbestimmung habe ich daher die erste Hälfte einer Inventur erledigt: die Vermessung des Systems „Westen“, das uns die Siegermacht nach Ende des Zweiten Weltkriegs überstülpte, in den vielfältigen Ausprägungen seiner vermutlich finalen Entwicklungsstufe.

Vier dieser Ausprägungen sind bereits identifiziert: 1. Die USA haben uns statt unserer angestammten kontinentalen Identität ihre ozeanische verordnet, um uns die strategischen Optionen der Zugehörigkeit zur eurasischen Landmasse zu entziehen. 2. Sie haben uns zum nicht stimmberechtigten Vasallen ihrer aggressiven Militärmacht degradiert, dienlich nur zum Finanzieren ihrer wars of choice und gegebenenfalls zum Bereitstellen entsprechenden Menschenmaterials. 3. Sie haben uns wirtschaftlich ihre Finanz- und Managementstrukturen aufgenötigt – mit allen Schattenseiten eines wilden „Westens“ für Unternehmer ebenso wie für Normalbürger. 4. Sie haben uns mit der angelsächsischen statt unserer kontinentaleuropäischen Kultur überzogen, sodass die Künste und selbst unsere Sprache in vieler Hinsicht nicht länger Ausdruck unseres Selbst sind.

Als ob das alles nicht schon übel genug wäre, folgen heute noch vier weitere Zusammenhänge, in denen uns das amerikanische „Prinzip Westen“ auf die Verliererstraße der Geschichte geführt hat:

5. Ein Deep State nach US-Vorbild

Wo sich die legalen Strukturen eines politischen Systems ausbreiten, da etablieren sich auch unkontrollierte, die in einer Grauzone des Rechts oder sogar noch unterhalb davon operieren. Dabei folgen sie ihren eigenen Zielen und Strategien, die denen der demokratisch definierten Staatsräson nicht selten entgegenlaufen. In den USA wird diese Schicht der Exekutive der „Deep State“ genannt: ein Geflecht von Organisationen und Institutionen, das von Rechts wegen eigentlich unter der Kontrolle der Legislative stehen müsste, aber de facto nicht steht. Das ist zum einen der Verwaltungsapparat selbst: Die Staatsbürokratie zeichnet sich durch eine Wachstumsspirale bei Personalbestand und Zuständigkeiten aus. Einmal eingerichtet, muss eine Behörde oder Abteilung ihre Existenzberechtigung nachweisen, indem sie etwas verwaltet. Sie wird also Fragebögen, Formulare und Richtlinien entwickeln und die Bürger zu deren Bearbeitung und Beachtung zwingen. Denn sonst droht ihr Einflussverlust, eine Steichung von Etats und letztlich gut dotieren Stellen. Verwaltung schafft daher stets mehr Verwaltung.

Das Phänomen ist nicht eigentümlich „westlich“, es wuchert in US-kapitalistischen Systemen nur besonders üppig. Denn in einem schlägt der Kapitalismus amerikanischer Prägung den alten preußischen Etatismus um Längen: Während auch im Kaiserreich die Bürokratie einen eigenen Staat im Staate bildete, war sie doch fest auf Kaiser und Verfassung eingeschworen. Die Eliten hatten noch keine Wege gefunden, die Korrumpierbarkeit von Bürokraten einzuleiten und sich zunutze zu machen. Heute ist die Verwaltung in „westlichen“ Gesellschaften Erfüllungsgehilfin ideologischer Ziele, die von den Corporations über den Transmissionsriemen der Politik an die Exekutive weitergeleitet werden (etwa eines Great Reset). Nur so konnten letztlich etwa die Profitinteressen der Pharmakonzerne in die grundrechtswidrigen Exzesse der Corona-Bürokratie umgemünzt werden – per Ausnahmezustand, an allen demokratischen Gesetzgebungsprozessen und Kontrollen vorbei.

Es gibt aber noch eine weitere Kategorie des Deep State, meist unterhalb des öffentlichen Radars und politischer Aufsicht: die Geheimdienste. Ihnen ergeht es in „westlichen“ Gesellschaften ähnlich wie der Staatsverwaltung: Wieder sind es die Herrschenden, die für eine Wucherung der Dienste und ihrer Zuständigkeiten sorgen. Denn diese können ihnen sehr nützlich sein, arbeiten sie doch fast ungehindert von Strafverfolgung, also skrupellos und damit besonders effektiv. Die Eliten möchten zum Beispiel den Aufstieg einer anti-elitären Partei verhindern. Der Geheimdienst wird nun diese Partei mit seinen Agents Provocateurs durchsetzen und ihr so die „verfassungsfeindliche“ Aura geben, die für ein Verbot notwendig ist. Oder er wird Dissidenten drangsalieren, indem er den Strafverfolgungsbehörden selbstfabriziertes Material gegen sie zuschanzt. Fazit: Der Deep State ist Schild und Schwert des Kapitals.

Grenzdurchbruch: unter sehr speziellen historischen Umständen eine gute Sache.

6. Einführung der „offenen Gesellschaft“

Verwandt mit dem Deep-State-Phänomen in reifen westlichen Demokratien sind die Institutionen der „offenen Gesellschaft“. Milliardäre, die als Stifter von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit auftreten, bereiten ihr mit Unterstützung durch die Leitmedien den Boden: Sie überzeugen die politisch Verantwortlichen (durch Korrumpierung) und die gutgläubige Öffentlichkeit (durch Meinungsmanipulation), dass Grenzen ein veraltetes und abzulehnendes Konzept darstellen. Ihr verdecktes Motiv ist, dass Grenzen mit lästigen rechtlichen Schranken für Kapitalströme und Kartellgewinne einhergehen. Außerdem bewahren Grenzen den Eigensinn von Völkern. Das behindert die ungehemmte Machtentfaltung globalistischer Mega-Corporations. Die radikale Linke macht sich in diesem Kampf zum überraschenden, aber dennoch natürlichen Kampfgefährten der Superreichen. Denn auch ihr gelten Grenzen als Teufelszeug, wenn auch aus anderen Gründen: Für Neomarxisten und sogenannte Progressive ist die Grenze das Symbol der Bürgerlichkeit und damit der Einengung antiautoritärer Entfaltung; zudem lebt ihre Klientel von Grenzübertretungen jeder Art.

Der Begriff „Grenze“ ist hier nämlich mehrdeutig: Zum einen bezeichnet er nationale Grenzen, deren Schutz gegen militärische Invasoren und zivile Plünderer seit grauer Vorzeit eine der Grundpflichten jedes Staates ist. Eine wohlhabende Nation ohne physisch und juristisch geschützte Grenzen kann nicht überleben, weil ihre soziale Infrastruktur durch den Ansturm von Anspruchstellern auf Wohnung, Versorgung und kulturelle Übernahme zusammenbrechen muss. Die Wirtsnation erleidet dabei einen ökonomischen Kollaps, aber auch einen sozialen: Ihre gewachsene Ursprunggsellschaft wird demoralisiert, dekonstruiert und dezimiert. Diese Altgesellschaft macht die für sie fatale Entwicklung nur deshalb mit, weil sie selbst durch Dekadenz und fehlendes Verständnis für komplexe Zusammenhänge wehrlos geworden und ihrer regenerativen Kraft beraubt ist. Zudem wird sie von neu erlassenen Paragrafen und drohender Strafverfolgung im Fall von Widerspruch gelähmt. Das ist der Status in allen westlichen, „offenen“ Gesellschaften.

Zum anderen umfasst der Grenzbegriff kulturelle oder sittliche Standards und Tabus. Nur in einer „offenen“ Gesellschaft, in der ein breiter Konsens über solche solche Setzungen aufgegeben wurde, können radikale Minderheiten die Kontrolle über eine gemäßigte, naturgemäß zur Bestandswahrung tendierende Mehrheit übernehmen. In solch einer für den „Westen“ typischen Gesellschaft („liberale Demokratie“) kommt es zu weit überproportionalem Einfluss von medial gezielt verstärkten Lobbies wie LGBTQ+, Letzter Generation, Fridays For Future oder dem „Kampf gegen rechts“. Der Grund liegt in der politischen Ökonomie: Die Bewirtschaftung solcher Partikularinteressen unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit zahlt sich für die Politik nun ungleich mehr aus als die mühsame und auf Widerstände treffende Sorge um eine gesellschaftlich-kulturelle Bestandserhaltung zugunsten aller.

7. Vielvölkerstaat und Balkanisierung

Auch dieses Merkmal reifer „westlicher“ Gesellschaften steht wiederum in engem Zusammenhang mit dem zuvor Geschilderten. Eine Konsequenz der offenen Gesellschaft ist, wie schon angedeutet, die Massenzuwanderung aus Armutsgebieten aller Welt. Bei geregelter und limitierter Einwanderung käme es zu einer Integration oder gar Assimilation: Neubürger würden die Normen und Werte der Aufnahmegesellschaft übernehmen und mehrheitlich zu ihrem Wohlstand beitragen. In der Massenmigrationsgesellschaft jedoch legt die schiere Zahl der Neuankömmlinge ihnen etwas anderes nahe: Sie bilden Parallelgesellschaften mit Schattenwirtschaft, Versorgungs- und Machtansprüchen. Aus ersten Brückenköpfen werden durch Nachrücker neue Cluster und Siedlungsschwerpunkte, die sich durch Segregation tendenziell entlang kulturell und ethnisch identischer Gruppen gliedern. Aus jedem dieser Cluster wird die Ursprungsgesellschaft mindestens demografisch verdrängt, oft auch durch wachsenden sozialen Druck.

So entsteht ein Vielvölkerstaat, die oft zitierte „Balkanisierung“ einer ursprünglich mehrheitlich homogenen Gesellschaft. Eine zentrale politische Führung und Entwicklung ist nun extrem erschwert: Die Staatsregierung müsste kulturellen, religiösen und selbst sprachlichen Gegebenheiten und Ansprüchen gerecht werden, die unvereinbar sind. Auch sinkt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durch das drastisch abgefallende Bildungs- und Ausbildungsniveau, die Sprachbarrieren sowie den Verlust der treibenden Kräfte aus der Ursprungsgesellschaft auf ein nicht mehr tragfähiges Niveau. Indem nun alles jeden Tag „neu ausgehandelt“ werden muss, nicht selten hochaggressiv, ist kein Fundament für eine gesellschaftliche Wertschöpfung mehr vorhanden.

Die USA als Rollenvorbild aller „westlichen“ Einwanderungsländer haben unter dem Druck der auch sie treffenden unqualifizierten und illegalen Massenmigration vorgeführt, wohin solch ein Wandel führt: Längst ist keine Rede mehr vom melting pot, in dem unter geregelten Verhältnissen und wirtschaftichem Wachstum eine neue nationale Identität aller Einwanderer heranreifen konnte. Stattdessen haben Segregation, demografische Verdrängung der Ursprungsbevölkerung und Massenverarmung auch hier um sich gegriffen. Die USA sind selbst balkanisiert – ein Hoffnungszeichen mit Blick auf einen baldigen Kollaps des Imperiums. Und noch eine gute Nachricht für uns Deutsche, zumindest für diejenigen mit Galgenhumor: Balkanisierung bedeutet auch das Ende der uns geschenkten angelsächsischen Leitkultur (siehe Teil 1).

8. Eine Europäische Union gegen die Europäer

In dieser Auflistung massiver Degenerationserscheinungen des „Westens“ muss der Blick zuletzt auf die Europäischen Union fallen. Ebenso wie die USA nicht länger am idyllischen Melting-Pot-Mythos festhalten können, lässt sich die EU mittlerweile nicht mehr guten Gewissens als das erfolgreiche „Friedensprojekt Europas nach dem Zweiten Weltkrieg“ feiern. Nicht nur hat die Brüsseler EU-Zentrale sich als antidemokratische Bastion unabsetzbarer und selbstherrlicher Politkommissare erwiesen; nicht nur hat sie vom „Klimaschutz“ bis zur „sozialen Gerechtigkeit“ kritiklos alle transatlantischen Strömungen eines ideologisch motivierten Dirigismus willfährig übernommen. Längst ist sie auch als eine entscheidende Triebfeder der Verewigung des Ukraine-Krieges etabliert – und das in offener Kumpanei mit dem schwerkriminellen Oligarchen-Regime in Kiew.

Die EU ist damit im 78. Jahr des sogenannten Einigungsprozesses voll umfänglich diskreditiert. Ihr eigenes Parlament tappt von einem Skandal in den nächsten. Ihre nationalen und zentralen Führungsfiguren stehen in den Augen ihrer eigenen Völker nicht länger als Politiker da, die ihre Interessen vertreten. Sie erscheinen vielmehr fest in der Hand von Rüstungslobbyisten und Agenten jeder Couleur – auch solchen von Geheimdiensten, vor allem amerikanischen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass noch keine große europäische Entscheidung ohne CIA-Präsenz und andere Fachleute des Washingtoner Deep State hinter den Kulissen fiel. Auch am aktuellen Druck der EU auf die Wahl in Ungarn, durch den nach 16 Jahren lästigen Quertreibens endlich der „richtige“ Sieger produziert wurde, waren die verschwiegenen Regime-Change-Experten des „Westens“ mit Sicherheit beteiligt.

Kontinent in Schieflage: Die EU hat sich auf nahezu allen Gebieten diskreditiert.

Was die EU derzeit noch zusammenhält, ist die Bequemlichkeit ihrer gemeinsamen Währung. Doch auch sie ist mehr als ausgehöhlt – dank des von den USA exportierten Trends zum „Fiat-Geld“: Wer gerade 500 Milliarden Euro braucht, so wie zuletzt die Bundesregierung für Infrastruktur und Aufrüstung, der schöpft sie einfach aus der Luft. Ein sogenannter Sonderhaushalt ist schnell erfunden. Ohne realwirtschaftlichen Gegenwert aber entfaltet dieses Monopolygeld nur zerstörerische Wirkungen: galoppierende Inflation, Vertrauensverlust der Märkte, erdrückende Schuldenlasten für nachfolgende Generationen. (Wobei diese Generationen ein Europa der Nichteuropäer bevölkern werden. Ob ihnen eine abstrakte Schuldenlast etwas bedeutet, bleibt abzuwarten.)

Dies waren also acht Schlaglichter auf den dysfunktionalen Zustand des „Westens“ unter seinem Leitstern USA. Nun konnte ich hier zwar Argumente entwickeln, warum Deutschlands Politik und Diplomatie nicht länger im Bann des (auto-)aggressiven Hegemons verharren sollte. Ich konnte andeuten, dass eine flexible Neutralität zwischen den entstehenden Mächten und ihren Blöcken in der neuen Weltordnung ein angemessener Ort für mein marginalisiertes Heimatland wäre. Doch ich habe dabei natürlich die Narrenfreiheit des Machtlosen genossen. Zu lang ist der Arm des Imperiums, zu festgezurrt sind die Ketten unserer Einbindungen in EU und NATO, zu verbogen die Rückgrate derer, die man uns als „Volksvertreter“ wählen lässt. Zu träge ist wie immer die Masse, die ihnen immer noch grundlos vertraut. Und letzten Endes überrollt mich, während ich dies schreibe, die Demografie. Bilanziell gilt hier also, was die Punks schon vor 50 Jahren als Parole ausgaben: No future.

Dennoch werde ich nicht freiwillig weichen oder „zum Putin gehen“. Dies ist mein Land. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Hier bleibt mein Platz bis zur Vertreibung oder zum Tod. Ich habe das Wenige, das ich hatte, in dieses Land meiner Vorfahren investiert und auf die Zukunft meiner Familie darin verwettet. Vieles spricht dafür, dass es vergebens war. Meine Kinder, die den Großteil ihrer Leben noch vor sich haben, sollen daher (so mein stiller Traum) ihr Glück außerhalb der deutschen und möglichst aller „westlichen“ Grenzen finden. Denn innerhalb ist nur noch Niedergang und Verderben. Die Befreiung davon, nach der ich mich sehne, findet nicht statt.

Letzte Ironie aber: Die große Mehrzahl der neuen Bewohner dieses Landes, die uns ältere Deutsche bald ersetzt haben werden, zählt sich wenigstens ebenfalls nicht zum „Westen“. Sie schert sich nicht um die Vasallentreue einer untergegangenen Nation. Wie gesagt: Alles wird hier immer neu ausgehandelt werden. Und dann wird vermutlich auch die Kompassnadel, nach mehr als 80 Jahren, doch noch öfter mal die Richtung wechseln.