Anastasia Trofimovas Dokumentarfilm „Russians at War“ zeigt die hässliche Wirklichkeit des Ukraine-Krieges aus russischer Sicht. Die Filmemacherin konnte sich ungehindert von der Militärzensur bei den Truppen einschleusen. Ihr gelangen Bilder, die Sie nicht zu sehen bekommen sollten – weil dieser Krieg wahrscheinlich auch uns erwartet.
Ich habe in meinem Leben viele Kriegsfilme gesehen. Spielfilme und Dokumentationen, gute und schlechte. Die zweistündige Dokumentation „Russians at War“ (Kanada 2024) über den von der NATO massiv unterstützten Ukraine-Krieg aus Sicht einfacher russischer Frontsoldaten ist eines der wahrhaftigsten und erschütterndsten Produkte des Genres. Ich habe das erst sehr verspätet im britischen YouTube-Angebot entdeckt, sodass diese Rezension keinen Neuigkeitswert hat. Trotzdem ist der selbstverständlich „umstrittene“ Film Ihre Zeit wert – wenn Sie ihn noch sehen, bevor er wieder wegzensiert wird, und wenn Sie ihn ertragen können.
Dabei enthält „Russians at War“ nur eine einzige Nahaufnahme blutigen Sterbens. Kurz vor dem Ende zeigt ein Soldat auf seinem Handy die berüchtigte Videosequenz, die seit Jahren im Internet die Runde macht: Die teilnahmslose Kamera einer ukrainischen Kampfdrohne dokumentiert aus zehn Metern Höhe, wie das Fluggerät nach und nach seine Granaten auf einen Verwundeten im Schützengraben fallen lässt, bis nichts mehr zuckt. Ich empfehle dringend, während dieser Szene wegzuschauen. Der wahre, tiefere Horror dieses Films dringt auch ohne sie zu uns durch.
Zunächst das Grundlegende, aber auch Sensationelle: Die russisch-kanadische Filmemacherin Anastasia Trofimova hat im Jahr 2023 ein Regiment russischer Soldaten an der Front um Donetsk und Luhansk begleitet. Das ist ihr ohne Einwilligung und damit ohne Zensur der russischen Armeeführung gelungen. Und ja, ich glaube ihr das. Denn die Strukturen in diesen Streitkräften sind korrupt und disziplinlos, der Informationsaustausch ist mehr als lückenhaft, die Lage stets volatil und unübersichtlich. Alle müssen ständig improvisieren; niemand hat irgendetwas wirklich unter Kontrolle. Trofimova gelang es in diesem Chaos, das Vertrauen von lokalen Offizieren zu gewinnen, und einmal in deren Tross aufgenommen, wurde sie schnell zur unsichtbaren Mitläuferin, zur „Fliege an der Wand“. Sie kommentiert das Geschehen nie, sondern lässt die Bilder und die Menschen sprechen.
Als sie an der Front eintrifft, hat das Regiment bereits 600 seiner ursprünglich 900 Soldaten verloren. Wer noch lebt, ist zutiefst desillusioniert und demoralisiert. Es wird sehr viel getrunken und geflucht in diesem Film, aber in beiden Disziplininen sind Russen bekanntlich schon in Friedenszeiten Weltmarktführer. Auffällig ist vielmehr von Anfang an, wie alt viele dieser Frontkämpfer sind: nicht wenige Endvierziger, Anfangfünfziger darunter. Mancher mag aus Patriotismus hier sein, doch die meisten hoffen bloß auf das versprochene Geld – das nie zu kommen scheint, auch wenn sie schon deutlich länger an der Front sind als vertraglich festgelegt. „Zurück kommst du nur als eine ‚200‘“, sagt einer. Die Zahl ist der Code für Gefallene. ‚300‘ hingegen sind Verwundete. Trofimova folgt auch einer Sanitätseinheit, die diese Zahl an der Frontscheibe ihres holpernden Transporters mit Klebstreifen als Kennung für „Ambulanz“ angebracht hat.

Wir folgen mit Trofimovas Kamera einigen Freiwilligen, die wir näher kennenlernen. Nicht mit ihren richtigen Namen, sondern mit selbstgewählten Avataren, von denen nicht klar ist, ob sie ins Englische übersetzt wurden oder ob englische Spitznamen in der Ukraine tatsächlich als cool gelten. Da ist zum Beispiel „Cap“, 24 Jahre alt und Drohnenpilot. Cap und „Cartoon“, 20, Infantrist, präsentieren sich selbst an der Front als unzertrennliche Freunde – bis die Nachricht kommt, dass Cap schwer verwundet worden ist und sich mit der eigenen Armeepistole erschossen hat. Sein Rückenmark sei verletzt gewesen, er habe nicht mehr kriechen können, und um nicht dem Feind in die Hände zu fallen, habe er den Suizid gewählt. Jemand blättert in seiner Brieftasche mit dem Foto der Freundin und einem handgeschriebenen Brief von ihr: „Mit dir zusammen glaube ich an die Liebe. Ich warte auf dich. Ich liebe dich. Möge dieses Stück von mir und von Zuhause dein Talisman sein.“ Darunter ein Lippenstiftabdruck.
„Cedar“, ein Kamerad aus Caps Einheit, berichtet: „Unsere gepanzerter Truppentransporter kam von drei Seiten gleichzeitig unter Beschuss. Ich bekam Granatsplitter im Rücken ab. Wir hatten keinerlei Unterstützung, nichts!“ Sie reinigen gerade den geborgenen Panzer und spritzen das Blut mit Wasser aus dem Innenraum. Jemand zeigt verbogene Metallfetzen genau dort, wo jemand gesessen hat. „Ich stellte mich tot“, berichtet Cedar, „so lange, bis keine Ukrainer mehr in der Nähe waren. Dann betete ich zu allen Göttern und kroch weg.“ Cedar, jetzt in einem russischen Militärhospital, glaubt an einen gerechten Krieg: „Wenn wir nicht wären, würde der Feind unter der Führung des Westens unsere Grenzen belagern. Das können wir nicht zulassen.“
Intensiv und klaustrophobisch sind die Aufnahmen in einem bombardierten Unterstand, dank typisch russischem Fatalismus bei offenstehender Tür ins Freie gedreht. Einer geht gar zum Rauchen nach draußen, währen sich drinnen Soldaten drängen, die vor einer neuen Welle ukrainischer Artelleriegeschosse Deckung gesucht haben. Die „Neuen“ unter ihnen, die noch nichts gesehen haben, zucken bei jedem Einschlag in der Ferne zusammen. Zusätzlich alarmiert sind alle, als jemand einen „Vogel“ gehört haben will, Armeejargon für eine Drohne. Sie lauschen zusammen mit dem Kameramikrofon, bis das Summen als Hornissengebrumm erkennbar wird. Da entlädt sich die Angst in allgemeiner Heiterkeit. „Aber es hat gesummt!“, verteidigt sich der, der den Alarm ausgegeben hatte.

Nachdem lange kein Einschlag mehr zu hören gewesen ist, können sie das Loch verlassen und den kläglichen Verschlag endlich hinter sich lassen. An der nicht weit entfernten Front haben sich zwei Trucks mit Mehrfachraketenwerfern in Stellung gebracht. Sie sollen die ukrainische Panzerabwehrbatterie ins Visier nehmen, wegen der die Gruppe so lange in Deckung gehen musste. Einer der Soldaten aus dem Loch, etwa 50 Meter von den Militärlastwagen entfernt, gibt den Besatzungen über Funk Zielkoordinaten und Befehle durch: Sie sollen nach der Zieleinstellung Meldung machen und erst auf Kommando feuern. Doch im selben Moment lässt der eine der beiden schon seine Raketen los – ohrenbetäubendes Jaulen, Qualm und Feuerwalzen. Die Kamera wackelt, fast reißt es die Soldaten und die Filmemacherin von den Beinen. Als es vorbei ist, kommt über Funk nur die Frage zurück: „Was für ein Kommando?“
Es gibt kein Kommando. Funkkontakt kommt oft nicht zustande, ebensowenig wie Telefon- und Internetverbindungen. Weder die Besatzungen noch die Offiziere sind die hellsten Kerzen auf dem Kuchen. Einmal stehen in diesem Film irgendwelche Soldaten in einer Ruinenlandschaft umher und berichten: „Es gibt null Information. Wirklich niemand weiß irgendwas.“ Und darin ist dieser Krieg ist wie alle anderen: 99 Prozent Warten und ein Prozent Action, doch das eine Prozent ergibt nicht zwingend einen Sinn. Man stellt ihnen einen Panzer hin und erklärt einen Schaltknopf im Innenraum nur mit den Worten: „Das hier werdet ihr brauchen!“ Ohne zu sagen, was „das hier“ für eine Funktion hat oder wie man es bedient. Dann fahren sie mit dem Kampfwagen auch schon los.

So ist Krieg, wenn nicht Hollywood die Regie führt, sondern eine Oberschicht, denen das Leben der Frontschweine keinen Pfifferling bedeutet. Selbst die Trümmer in diesem realen Krieg sind nicht malerisch wie in Hollywood, wo an wohlkalkulierten Stellen noch Flammen aus Autowracks züngeln oder CGI-Qualmwolken am Horizont aufsteigen. Die wirklichen Schauplätze waren schon Abbilder der Hölle, als sie noch nicht zerbombt waren: Beton, Matsch und Müll überall, die dominierenden Farben sind Grau und Braun. So sieht Hoffnungslosigkeit aus, das Ende jeder Zivilisation.
Unterdessen ist auch der Sanitätstrupp an den Brennpunkten unterwegs, um Gefallene einzusammeln. Der Transporter mit Trofimova an Bord bahnt sich einen Weg zu einem schwer zugänglichen Stützpunkt, wo die eigenen Soldaten mit Maschinenpistolen auf ihn anlegen. Erst als einer aus dem Wagen mit erhobenen Händen ausssteigt und sich erklärt, nehmen sie die Waffen runter. Viel Gefluche: „So ist das hier! Verfickte Idioten! Verdammter Zirkus!“ An einem Teich müssen drei Tote der Einheit geborgen werden, die von Scharfschützen erwischt wurden: „Chemist“, „Mario“ und „Spikey“ werden in Leichensäcke gepackt und in den Transporter geladen. „Scheiß polnische Mörsergranaten“, flucht einer, „man hört sie nicht kommen.“ Das ärmste Schwein sei Chemist gewesen: „Es war sein erster Tag. Sein erster!“
Inmitten dieser von Trümmern gesäumten Endzeit-Tristesse kommt es aber auch zu einer fast unglaublichen Szene: Ein Soldat aus der Sanitätseinheit hält im Unterstand um die Hand seiner Kameradin an – komplett mit Kniefall und Präsentation des Verlobungsrings. Und er ist erfolgreich. Zwei junge Leute, die kurz in eine andere Welt gebeamt werden, bevor das Elend der Realität sie wieder einholt. Noch vor Ende des Films ist die Sanitäterin schwanger.
Doch dieses Ende ist, der tiefen russischen Seele gemäß, der Trauer um die Toten vorbehalten. Die Filmemacherin besucht mit einem Kommandanten der Einheit, Amin, und der Sanitätssoldatin Anastasia einige der vielen frischen Gräber für neue Gefallene. Amin humpelt, sein linker Knöchel ist verbunden. „Ich habe Schuldgefühle, weil ich meine Freunde nicht retten konnte“, sagt er. Bei der Beerdigung von „Tungus“, 48, Infantrist, klagt dessen alte Mutter: „Oh, mein Sohn! Oh, wie schwer ist das! Ich habe ihn großgezogen, ich habe ihm Dinge beigebracht, ich hatte nichts Gutes für mich selbst!“ Seine Uniformmütze liegt auf dem mit der Flagge geschmückten Sarg.

„Chemist“, der Sanitäter, war 40. Auf dem Foto, das ans Holzkreuz geschraubt ist, trägt er einen Orden. Die Mutter sagt: „Obwohl er glaubte, wir würden gewinnen, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, gegen wen oder wofür wir kämpfen.“ Die Witwe von Sanitäter „Spikey“ führt den Kommandanten an das Grab ihres Mannes: „Hier, Amin, hier liegt er. Er hat jedem erzählt, er werde nicht zurückkommen.“ Man sieht das neue Holzkreuz mit den eingeschnitzten Daten. Sie streichelt das Metallgitter des Grabes: „Mein Schatz, wie sehr ich dich liebe! Im Ernst, wer braucht diesen Krieg? Vielleicht braucht ihn jemand, aber nicht wir, die Ehefrauen, Mütter und Kinder.“ Sie erlaubt der Dokumentarfilmerin bei laufender Kamera, die Aufnahmen zu verwenden: „Sollen doch unser Russland und alle Menschen wissen, was in unserer Welt los ist!“
Der Vater von „Puma“, 38, Soldat einer Mörser-Einheit, weint am Grab seines Sohnes: „Es ist so schwer! Alle sind so jung! Wie viele sind das, wie viele? Und alle so jung!“ Dann erzählt er von seinem Sohn, während er hausgemachtes Backwerk auspackt: „Er mochte so gerne Gebäck. Lass es mich hier hinlegen!“ Und er platziert das Gebäck am Kopfende des frischen Grabes, wo das Foto liegt. „Iss es, mein Sohn! Iss es, Mama hat es dir gegeben!“ Dann bricht der alte Vater zusammen.
„Ich habe hier jetzt viele Freunde“, sagt die Sanitätssoldatin am Schluss, während die Kamera über die endlosen Reihen neu aufgeworfener Gräber streift. „Sie waren nicht übermenschlich, und sie waren nicht schlecht. Die Kriegsmaschine hat viele an die Front geschleppt. Sie hat ihre Vaterlandsliebe, ihre Freundschaft und ihre finanzielle Not ausgebeutet. Am Ende liegen hier die einfachen Leute, auf deren Knochen Politik gemacht wird.“ Und mehr ist dazu nicht zu sagen.

Der Film „Russians at War“ trägt, wie gesagt, das Prädikat „umstritten“. Nachdem ukrainische Organisationen ihn schon vor dem Start als „russische Propaganda“ denunzierten, knickte Kanadas Vize-Premierministerin Chrystia Freedland umgehend ein und distanzierte sich: „Es ist nicht richtig, dass kanadische Steuergelder die Produktion eines solchen Filmes unterstützen.“ Einer der Geldgeber, der Sender TV Ontario, zog daraufhin seine Unterstützung zurück, aus den meisten Mediatheken wurde das Werk getilgt. Worin der angebliche Propaganda-Wert bestehen soll, weiß ich nicht. Einen strahlenden Sieg überlegener russischer Kriegskunst gibt es in dem Film jedenfalls nicht zu sehen. Im Gegenteil: Russlands Armee erscheint als das Abbild eines entmenschlichten Systems, in der kleine Leute wie eh und je rücksichtslos für die Interessen der Oberschicht verheizt werden. Die englischsprachige Wikipedia-Seite zum Film ist ausnahmsweise fair in der Darstellung der Rezeption und erwähnt auch die vielen professionellen Wertschätzungen durch Kritiker und Filmschaffende aus aller Welt.
Leider ist die kostenlose YouTube-Version beeinträchtigt durch eine pervers hohe Frequenz wahllos eingeklinkter Werbespots für Glücksspiel-Websites und andere Abartigkeiten. So kann man sich kaum auf die Schicksale der Hauptakteure konzentrieren, die Trofimova an und hinter der Front begleitet. Wie überhaupt jemand glauben kann, in diesem Umfeld erfolgreich Reklame für irgendetwas Käufliches machen zu können, ist mir unbegreiflich. Jeder Spot wirkt wie eine Ohrfeige. Aber das ist der digitale Globalkapitalismus: die Monetarisierung selbst noch von industriellem Massenmord. Tipp daher: Kaufen oder leihen Sie den Film, wo immer sie ihn bekommen können, selbstverständlich werbefrei.
Und dann tauchen Sie ein in die reale Dystopie, die auch uns in Westeuropa vielleicht in zwei, drei Jahren schon erwartet – wenn wir unseren Kriegstreibern nicht endlich das Handwerk legen. Denn unsere Oligarchen langweilen sich ebenso wie die russischen, sie möchten endlich Gott spielen: einen ganzen Kontinent und mehr abfackeln, um sich danach grenzenlos an den Schätzen unter der verbrannten Erde bereichern zu können. Und hier zeigt Ihnen jemand schon mal die notwendigen Abrissarbeiten.


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