Dies ist das Ende der Geschichte: letzter Eintrag auf TWASBO. Nach gut fünf Jahren versendet sich mein Blogmagazin zeitgemäß ins Nirgendwo. Und der Redakteur sitzt am Ende wieder da, wo er im Grunde immer schon saß: zwischen allen Stühlen.

Da bin ich nun also, allein auf weiter Flur. Ich habe hin und her überlegt, ob der Titel dieses Textes vielleicht besser doch „Einsam“ lauten sollte. Aber dann habe ich die abgemilderte Nuance gewählt. Nicht, dass ich die Einsamkeit nicht kennen würde: Einen wichtigen Teil meines Lebens lang habe ich mich einsam gefühlt. Unverstanden. Gemieden. Abgelehnt. Ich war zu kompliziert, zu widersprüchlich, nicht stromlinienförmig, nicht berechenbar und vor allem nicht cool genug.
Ich passte in keine Schublade, und das war die schlimmste Schublade, in die man gesteckt werden konnte. Ich lernte, mit dieser Einsamkeit zu leben, und richtete mich vermeintlich endgültig in ihr ein. Natürlich wurde ich Berufsschreiber.
Mein eingespielter Status änderte sich indes nachhaltig, als ich dann doch noch das Glück einer Familiengründung erlebte. Damit war Einsamkeit kein Thema mehr, jedenfalls nicht im existenziellen Sinn, wenngleich Anwandlungen davon immer wiederkehren, besonders in Bezug auf Freundschaften. Ich hatte zeitlebens nur wenige Freunde, heute habe ich fast keine mehr. Aus den unterschiedlichsten Gründen: verstorben, ausgewandert, zurückgelassen, zerstritten – oder aus Gleichgültigkeit.
Heute verbreiten sich Gleichgültigkeit und Ich-Fixiertheit wie ein Flächenbrand. Anteilnahme an anderen Leben ist zu anstrengend geworden, man könnte Verpflichtungen eingehen müssen, derentwegen man sich dann nicht mehr alle Optionen pausenlos offenhalten kann. Man könnte mit unbequemen Macken oder Meinungen konfrontiert werden. Und das alles womöglich nicht hinter einer sicheren Tastatur, sondern in real life und real time. Das setzt unter Druck. Dann lieber Abstand halten. Dann lieber allein mit Netflix.
Und hier kommt nun endlich TWASBO ins Spiel. Zunächst aber eine Entwarnung: Nein, ich bin nicht suizidal. Niemand muss „die Behörden informieren“, auch wenn das Deutschlands neuer/alter Volkssport ist: jemanden aus irgendwelcher Besorgnis oder Empörung heraus „melden“. Mir ist gar nicht nach Selbstmord. Ich befinde mich vielmehr im Zustand gefasster Melancholie. Dabei nicht frei von Bitterkeit, zugegeben. Ich war der irrigen Ansicht, man könne mit der „Info-Elite“ immer noch freie Diskurse führen.
Nennen Sie mich naiv, aber TWASBO sollte mein Medium sein, um dem Internet die Hand zu reichen: Hallo, Welt! Wollen wir lustvoll über deinen Zustand streiten? Die noch irrere Idee war, dass aus Texten sogar mehr werden könnte als der unverbindliche Kontakt anonymer Avatare über das körperlose Netz. Ein Nährboden für literarisch-journalistische Freundschaften, die günstigstenfalls ins richtige Leben hineinreichen und nach Belieben zwischen beiden Sphären wechseln können.
Wobei mir schon klar war: Solch eine Komplizenschaft geht nur unter annähernd gleichartig Komplizierten. Wir Schreibenden (hier ist das dumme Gender-Partizip ausnahmsweise mal tauglich, weil wir es nicht lassen können) sind ja nicht die pflegeleichtesten Charaktere, siehe oben. Gefunden habe ich kaum einen kompatiblen Eigenbrötler. Dafür eine stattliche Reihe, nun ja, anders interessanter Menschen. Für diese Feststellung brauchte ich sie nicht mal in der dritten Dimension kennenzulernen.
Dabei gab es eine Phase, in der Blogs und Online-Plattformen ein Zusammenführen in der Wirklichkeit leisten konnten, aber diese Welle habe ich wie nahezu alle Wellen in meinem Leben um Jahre verpasst. Ich kam immer zu spät, aber ich war ja auch immer schon ein Ewiggestriger. Und damit waren auch hier die Probleme vorprogrammiert: Was ich ins Magazin hineinschrieb, war in Gesinnung und Gebaren vermeintlich von gestern. Oder gar vorgestern.

Was, nicht links? Nicht mal linksliberal? Gar die Nation präferierend, auf Grenzen setzend, bewusst diskriminierend (= auf Unterscheidung bestehend), Wohlfühl-Worthülsen dechiffrierend, keine Ausflüchte zulassend, antifeministisch, klimaskeptisch, covidkritisch, eher wut- statt weltbürgernd? Der kann nur ein Nazi sein! Oder mindestens Rassist. Oder Reaktionär. Aber eigentlich alles zugleich. Und wieder jemanden nachhaltig verschreckt.
Aber dann wiederum, im gegenüberliegenden Lager: Warum schreibt einer von uns Rechten plötzlich flammende Tiraden gegen Trump, auf den er doch gerade noch Hoffnungen gesetzt hatte? Warum will der die Russen nicht hassen? Warum steht der nicht zum unverbrüchlichen Bündnis der westlichen Zivilisation mit Israel, sondern prangert dessen perverse Menschenrechtsverbrechen an? Gegen Islamismus in Europa, aber für palästinensische und iranische Selbstbestimmung – ja geht’s noch? Ist denn hier auf gar nichts mehr Verlass? Und wieder jemanden nachhaltig verschreckt.
All dies, während die runde Welt da draußen zur Scheibe wurde und inzwischen ist: Entweder du bist für uns oder gegen uns, entweder Teil der Lösung oder Teil des Problems. Entweder du marschierst in der Formation oder gar nicht. Niemand will noch neue Wahrheiten finden, über diesen Punkt sind wir längst hinaus. Siehe oben, zu anstrengend, zu furchterregend: Was, wenn ich meine Meinung ändern müsste? Hat mich dann am Ende keiner mehr lieb?
So nehmen alle Zuflucht in Wagenburgen, in deren Schutz die Prediger zuverlässig nur zu bereits Bekehrten predigen. Ob X oder BlueSky, ob Tichy oder Mastodon. Bloß zog damit innerhalb dieser Schutzburgen – vor allem der linken – kein Frieden ein: Wer ist hier korrekt links, wer scheinlinks, wer linker als links und wer linkt die, die falsch verlinken? Kämpfe bis aufs Messer. Rechts ist auch nicht frei davon. Und da kommt so ein Typ und will TWASBO machen.
Außerdem muss ich einräumen, dass sich das journalistische Prinzip Wundertüte seit Henri Nannens Zeiten überlebt hat. Ein „Magazin“, das in Themenmischung und Ton zwischen todernstem Pathos und pubertärer Satire oszilliert, hat über die unklare politische Verortung hinaus noch eine irrlichternde Unberechenbarkeit. Damit können viele nicht umgehen. Heute sucht man übersichtliche, monothematische Formate: Mütterblogs, wo alles in hyggen Pastelltönen bebildert und betextet wird. Da ist Geborgenheit, da ist Community. Auch sind die Texte nicht so elend lang.
Aber nicht nur „Umstrittenheit“ und Themenwahl waren TWASBOs Tod. Kaum je verstanden und schon gar nicht goutiert wurden die „drei Antennen“ dieses Magazins zur Auswertung der Signale aus der Wirklichkeit. Deren empfindlichste, die Lyrik, ließ die Klickraten jedesmal zuverlässig in den Keller sacken. War mir aber egal. Ab einem gewissen Zeitpunkt schert man sich nicht mehr um solche Befindlichkeiten, das ist das Schöne am Älterwerden.
Konsequenterweise ist der Ausdruck meines Selbst und meiner Weltwahrnehmung in Gedichtform das, was mir derzeit noch am meisten Hoffnung auf künftiges öffentliches Schreiben in deutscher Sprache macht. Lyrik bleibt die Königsdisziplin, unabhängig davon, ob der Zeitgeist nach X oder TikTok drängt: Für mich heißt Dichtung ganz klar so, weil sie die maximale Ver-Dichtung der Botschaft oder des Gefühls erreicht – wenn jede Silbe, jede Betonung, jeder Rhythmuswechsel Bedeutung erlangt. Die Essenz, das Destillat aller Wortwahl. Dort, wo absolute Konzentration verlangt und im Ergebnis auch geboten wird.
TWASBO hat das allerhöchstens ansatzweise erreichen und nur den wenigsten Lesern vermitteln können. Eine völlig legitime Lesart ist, dass nicht mein Publikum zu unverständig war, sondern ich eben nicht gut genug. Überhaupt verhält es sich mit meinem Magazin-Projekt so, wie es am Ende des Gedichts Weiß auf Weiß über eine Schneeflocke heißt:
Schreibt zuletzt
die doppelt unbequeme Wahrheit
weiß auf Weiß
in mein Gemüt
Sie werden scheitern
und ich auch
Da steht es nun geschrieben, wenn auch schwarz auf Weiß: mein Scheitern. Ich tröste mich damit, dass es nicht allein meines ist, sondern auch dasjenige einer Gesellschaft, die das Lesen und Schreiben verlernt hat. Kürzlich vertrat jemand die These, dass es gerade für die Zugehörigkeit zur etablierten Mittelschicht, zur managerial class, nicht mehr notwendig sei, des Schreibens kundig zu sein. Mein erster Impuls, 60 Jahre lang verinnerlicht: Das ist doch absurd! Aber es stimmt.
Wichtig ist nur, mit den richtigen Wölfen zu heulen, die richtigen Buzzwords aufzuschnappen, die richtigen Hände zu schütteln und dabei gut auszusehen. Selbst die oft pompös-miserablen E-Mails, die letzten Artefakte der Briefkultur, schreibt dann die KI. Und beim Empfänger liest sie die so generierten Textbausteine quer, dann ist der auch bedient. Und der Schein gewahrt.
Eine „Elite“, auf diesem intellektuellen Niveau angelangt, ist kriegsbereit.

Was mich lange zögern ließ, dieses Ende einzuläuten: Damit haben sie natürlich einen weiteren kleinen Sieg eingefahren. Sie, die unbequeme Wortmeldungen ersticken wollen und zunehmend auch können. Sie, die Algorithmen und Küstliche Intelligenzen ihre engen Meinungskorridore gründlich durchfegen lassen. Sie, die den Diskurs bestimmen, um sich und ihre Hinterleute trotz all ihrer Schandtaten weiter an der Macht zu halten. Ich gratuliere trotzdem nicht vorschnell.
Aber dieser Sieg gelang nicht nur, weil sie ein neues deutsches Biedermeier durchzusetzen verstanden. Nein, dazu gehörten ebenso zwingend auch jene, die ich gerne engagierte Leser genannt hätte. Denen aber letztlich doch alles gleichgültig war. Die höchstens kostenlos und unverbindlich mitnahmen, was hier abzugreifen war, stillschweigend, ohne ein Wort der konstruktiven Rückmeldung und selbst dabei noch aktiv anonymisiert. Die zuletzt hier aufgestellte virtuelle Kaffeekasse ergab genau null Cent an Trinkgeld. So viel war ihnen ihre verbliebene Informations- und Meinungsfreiheit wert.
Offen ist, was nun noch kommt. Ich kann ja nichts anderes als schreiben – beziehungsweise Medien machen. Also werde ich wohl Medien machen. Neben der hartnäckigen Lyrik-Leidenschaft (aah, da zeichnet sich ein tragfähiges Geschäftsmodell ab!) habe ich die leise Hoffnung, dass das Ende dieser in die Sackgasse geführten Reise Energie freisetzt für einen weiteren Versuch in der ganz langen Form, sprich: als Buchautor. (Ooh, schon wieder ein prickelndes Geschäftsmodell!)
Vielleicht finde ich ja noch einmal den langen Atem wieder, den es braucht. Eine Erlösung vom hechelnden Magazin-Rhythmus kann dazu nur hilfreich sein. Oder ich probiere mal die audiovisuellen Möglichkeiten aus, die es heute so gibt. Hallo, ich bringe immerhin auch Radio- und TV-Erfahrung mit! Irgendwas wird kommen, bevor es die Sozialrente ist.
Abschließend hier noch ein paar Blitzlichter aus der immerhin mehr als fünfjährigen Geschichte von TWASBO: Unter diesem Namen trat das Magazin erstmals Anfang 2021 auf, damals noch mit selbstgebasteltem Layout. Nach anderthalb Jahren machte es einen Professionalisierungsschritt – ermöglicht, nach der Katastrophe des totalitären Corona-Regimes, ausgerechnet mit Staatsknete für einen „Neustart Kultur“: Am 2. September 2022 erfolgte der Relaunch als neu gestaltetes und strukturiertes „Mitmach-Medium“ in der aktuellen Form.
Mit fast schon euphorischem Tatendrang, weil TWASBO eine Zeitlang vom „Ich“ zum „Wir“ überging, verkündete ich damals zur Begrüßung in einem Beitrag, der zwischenzeitlich ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung gelöscht wurde: „Jetzt aber: Rin in die Kartoffeln! Es gibt viel zu schreiben – und ich fürchte, man muss diese Tatsache als knallharte Drohung derer auffassen, die uns täglich ungefragt mit faktischem und postfaktischem Material versorgen. Erlauben wir uns weiterhin, in dubio pro dubio, an ihren Narrativen zu zweifeln. Schreiben wir mit aller Kraft dagegen an!“
Was für einen Unterschied nicht einmal zwei Jahre ausmachten. Am 1. April 2024 schrieb ich unter der Überschrift Zwischenstand: Mit Orwell leben lernen: „Der letzte Eintrag, den man auf TWASBO lesen wird, falls es nicht die Fanatiker und Freiheitsfeinde schon vorher mit digitaler Drosselung ersticken oder gleich ganz abschalten, soll daher lauten: ‚Dies ist das Ende der Geschichte. Was übrigbleibt, sind nur Gedichte.'“ Doch die Vorahnungen verscheuchend fügte ich an: „Noch ist es nicht so weit. Noch nicht.“
Nun aber, zuletzt doch am Ende des Wegs angekommen, bleibt mir die Erkenntnis: Es wird in der Schlussbilanz für jeden von uns darauf ankommen, auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben – im Privaten wie im Politischen. Und dieser richtige Standort kann angesichts der Komplexität dieses kurzen Lebens nur zwischen Baum und Borke, zwischen allen Stühlen sein. Dort, wo man niemandes Vasall und jedermanns Schreckgespenst der Wahrhaftigkeit ist. Mehr als dieses Wenige kann kaum einer leisten, aber schon dies scheint für viele unerreichbar, ja undenkbar. Einer, dem es gelungen ist, ist der 83-jährige Roger Waters. Er hat dafür nicht nur meine umfassende Bewunderung, sondern darf gleich auch das letzte Lied auf TWASBO anstimmen.
Zuvor noch ein finaler Termin: Am 2. August tritt eine weitere Verschärfung der Internetkontrolle durch die zunehmend autoritäre, menschenfeindliche und militaristische Achse Brüssel-Berlin in Kraft. Vordergründig geht es um die Kennzeichungspflicht für KI-Anteile an Texten und Bildern. Hintergründig aber soll ich im Motorraum dieses Magazins neue Spitzelwerkzeuge zur Überwachung meiner selbst installieren und mich noch mehr digitaler Fremdkontrolle unterwerfen. Nope.
Als symbolischer Zapfenstreich für ein bankrottes System wird hier vor Anbruch jenes Tages das Licht ausgeschaltet.
Falls Sie bis dahin noch durch Texte stöbern wollen, die mir selbst gut gelungen erscheinen, können Sie das hier unter „Highlights“ tun.
Dies ist das Ende der Geschichte. Was übrigbleibt, sind nur Gedichte.


Das kommt jetzt hart. Nicht das noch. Das kann doch nicht wahr sein.
Es ist der reine Egoismus, jetzt von Ihnen zu verlangen, doch weiter zu machen, nicht zu resignieren. Es gibt nun einmal sehr wenige Autoren Ihrer Qualität.
Dass Sie als Einzelner „nichts bewirken“ ist nicht der einzige Grund, das ist klar, wer könnte erwarten, mit Schreiben etwas zu bewirken.
Was mich aber verstört, aber auch trifft, ist der Umstand, dass ausgerechnet die Zurückhaltung Ihrer Leser zu reagieren maßgeblich zu Ihrer Entscheidung beigetragen hat. Diese Zurückhaltung aber, davon bin ich überzeugt, ist auf Respekt vor Ihren Texten gegründet. Sie können davon ausgehen, dass es eben nicht Desinteresse ist, wenn hier nicht eifrig drauf los kommentiert wird. Ich schließe hier ganz unbescheiden von mir auf die andern. Man möchte doch gerne angemessenes schreiben und im Idealfall etwas beitragen.
Und sagen Sie jetzt nicht, es hätte schon gereicht, hin und wieder ein „Toller Text!“ Oder „Genau“ oder „Das wollte ich auch sagen“ hier zu posten… Das würde mich jetzt vollends fertig machen.
Diesen Text haben Sie nicht aus einer Laune heraus geschrieben, das sehe ich. Und für die letzten Jahre danke ich Ihnen. Dennoch habe ich noch Hoffnung, dass Sie hin und wieder die schiere Wut packt und Sie etwas – und sei es zur Seelenhygiene – raushauen müssen und uns daran teilhaben lassen werden.
Ich habe hier oft mit Gewinn mitgelesen. Obwohl es manchmal unbequem war. Danke dafuer.
Lieber Oliver, vielen Dank für die inspirierenden Texte hier! Ich hoffe, Du schreibst irgendwann einmal wieder, und ich werde wieder in den Genuss kommen. Herzlich, ein Leser.
Sehr, sehr schade, aber danke, daß Sie sich nicht zum Handlanger der Spitzel machen wollen.
“Kaffeekasse ergab genau null Cent an Trinkgeld” naja