Wie es zugeht, wenn ein Konservativer das Gespräch mit Linken sucht – und sogar noch mit ihnen paktieren will: gemeinsam für Friedenspolitik statt Russlandhass. Brückenbau ins andere Lager, des Feldversuches nächster Teil.

Das bin nicht ich, das ist nur ein KI-generierter Mann meines Alters im Spiegellabyrinth des politischen Diskurses

Vor einigen Wochen habe ich in diesem Magazin dazu aufgerufen, einen Appell zu unterschreiben: Russland ist nicht unser Feind. Dieser Appell wendet sich gegen die wahrheitswidrige Verteufelung Russlands als Alleinkriegsschuldigen in der Ukraine, er agitiert für die Wiederaufnahme und Priorisierung von deeskalierender Diplomatie durch die deutsche Politik – und er wirbt für ein „breites Bündnis“, das endlich eine neue, machtvolle Friedensbewegung auf die Straße bringt. Damals war der neue Golfkrieg noch gar nicht ausgebrochen, der die Dringlichkeit einer neuen deutschen Friedenspolitik nur dramatisch unterstrichen hat.

Nun habe ich mich unter dem Druck der politischen Entwicklung in den vergangenen Jahren zu jemandem entwickelt, der sich selbst als konservativ „definiert“, wie man heute sagt. Zwar mit Wenns und Abers und ohne „parteipolitische Heimat“, aber doch: konservativ. Der Appell indes kommt klar von links. Ein Blick auf die Namensliste unter „Wer wir sind“ lässt da keine Fragen offen. Natürlich gibt es dort Abstufungen, irrlichternde oder von ihren früheren Parteien verstoßene Altlinke, alternative Neu-Linke und undogmatische Linksliberale aller Couleur. Doch der inner circle der Initiatoren und Erstunterzeichner ist klar links dominiert. Anders geht das auch gar nicht in der Bundesrepublik: „Frieden“ kam immer von links (und Grün zählt nicht mehr dazu).

Dennoch und gerade deshalb habe ich als Konservativer unterschrieben. Und zum Unterschreiben aufgerufen. Und tue das immer noch. Um der gemeinsamen Sache willen, und weil ich es für wichtig halte, in diesen Zeiten der Wagenburgen und Grabenkämpfe Brücken zu bauen. Brücken ins andere Lager. Deshalb unterschrieb ich nicht nur, sondern bot den Initiatoren des Appells an, meinen TWASBO-Beitrag auf ihren Seiten zu verlinken und zur Diskussion zu stellen, was auch geschah. Ich war gespannt, ob an meinen Gesprächsfaden angeknüpft werden würde.

Doch die Resonanz blieb aus. Nicht nur auf meinen Artikel: Der Appell „Russland ist nicht unser Feind“ führt bisher ein Kümmerdasein im Netz; bis heute haben gerade einmal 2.353 Menschen unterzeichnet. Das ist einerseits dem Übergewicht staatlich-medialer Kriegs- und Feinbildpropaganda geschuldet, andererseits auch der rein ehrenamtlichen Organisationsarbeit ohne Reichweitenverstärkung durch professionelle Kommunikationsagenturen.

Nun aber gibt es Feedback, sogar per Video. Es kommt von Christiane Reymann, einer der Initiatorinnen. Es ist sicher nicht beleidigend, die 1949 geborene Publizistin und Autorin eine Altlinke reinsten Wassers zu nennen: Sozialisiert in der DKP und im MSB Spartakus, dann PDS, dann Die Linke. Aber – und hier wird es interessant: Reymann war immer unbequem, ideologisch nicht stromlinienförmig. Beispiel: Als im Herbst 2017 das Berliner Kino Babylon eine Preisverleihung an den als „Nazi“ gebrandmarkten Querfunker Ken Jebsen absagte und ein Beschluss des Bundesvorstands der Linkspartei dies unterstützte, mobilisierte sie mit anderen eine Protestkundgebung vor der Bundeszentrale der Linken gegen diese von ihr als Zensur verstandene Maßnahme.

Anderes Beispiel: In den „Marxistischen Blättern“ schrieb sie 2015 zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Gehrcke den Artikel „Wider denunziatorische Kommunikation“. Darin klagen die beiden die sich damals schon zuspitzende Cancel Culture und Diffamierungslust der Genossen an: „Wir widersprechen und wir wollen Widerspruch provozieren. Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit Aktionen der Friedensbewegung, ihren Schwächen, ihren Forderungen und TrägerInnen. Wir wenden uns ganz entschieden gegen denunziatorische Züge, mit der diese Auseinandersetzung auch in linken Kreisen geführt wird, denn Denunziation zehrt (potenzielle) Bewegungen von innen auf. Reden wir also miteinander.“

Vielleicht war es zwangsläufig, dass sich Reymanns und meine Wege eines Tages kreuzen würden. Ich kenne diese Haltung, gegen den Strich des vermeintlich eigenen Lagers zu bürsten, auf der Suche nach innerer Wahrhaftigkeit stets die offiziellen Sprechblasen und Formeln hinterfragen zu müssen. Ich kenne die Irritationen, die daraus entstehen und bis zu Hass und Feindschaft reichen. Und ich teile die Haltung, lieber Gesprächsbrücken bauen zu wollen als „klare Kante“ gegen irgendwen einzufordern. Sie rief mich dann eines Tages an, und wir telefonierten eine Weile über meine Aktion und meine Motive.

„Da kann man mit leben“: Aufruf-Initiatorin Christiane Reymann kommentiert TWASBO

Im obigen Video geht sie nun auf mein Angebot ein, auch mit Konservativen gemeinsam an der neuen Friedensbewegung zu bauen. Zwar steht in der Headline ein pflichtschuldiges Fragezeichen, doch ich spoilere hier mal: Im Grunde findet sie’s okay. Interessant ist nun für mich auch, dass Reymann sich mit mir als Person auseinandersetzt: Wer ist denn dieser TWASBO-Redakteur eigentlich? Ihre Erkenntnisse dampft sie auf vier Punkte ein. Und zu denen muss ich nun doch kurz noch meinen Senf hinzugeben. Es ist ja durchaus etwas anderes, wenn man öffentliche Urteile über sich hört, als wenn man sich selbst der Öffentlichkeit präsentiert.

So ging es umgekehrt übrigens auch Reymann mit mir: Meine Einschätzung, dass es sich bei den Initiatoren ihres Aufrufs vorwiegend um „Linkssozialisten“ handele, passte ihr als Label und Umhängeschild nicht recht, da es zu einengend sei. So ist das, wenn man Fühler ins andere Lager ausstreckt und ins – öffentliche – Gespräch miteinander kommt: als ob man sich im Spiegel sieht und dieses Spiegelbild gleich wieder zurückspiegeln möchte, weil man ein Zerrbild zu sehen glaubt. Hier also der konservative Mann ohne Maske in vier Reymann’schen Schlaglichtern – anschließend kommentiert durch ihn selbst:

1. „Seine Vorstellung von einer Familie besteht aus Mann, Frau und Kindern. Und er findet auch eheliche Treue wichtig. Da kann man mit leben, denke ich.“

Wenn ich Reichskanzler werde, wird eheliche Treue zum Prüfungsfach. Scherz! Von mir aus, liebe Leser, können Sie in Ihrer queeren Regenbogenfamilie die Polyamie leben. Nur in meinen eigenen vier Wänden möchte ich es gerne anders halten und schätze Leute, die bei sich zuhause ebenso verfahren. Ich glaube nicht, dass wir im Telefonat darüber gesprochen haben, aber tatsächlich habe ich mich hier mal schriftlich in diesem Sinne geäußert. Immerhin: Mit meiner exotischen Einstellung kann man offenbar leben.

2. „Der zweite Punkt ist, dass er Wirtschaftsliberaler sei. Nun habe ich mich erinnert: Wirtschaftsliberale haben durchaus manchmal eine konstruktive Rolle gespielt.“

Sorry, aber nein. Ich bin kein Wirtschaftsliberaler, sonst könnt‘ ich ja gleich in die AfD eintreten, oder noch schlimmer, in die FDP. Ich weiß nicht, woher Frau Reymann das hat. Vielleicht verwechselt sie das mit meiner Befürwortung von möglichst viel individueller Freiheit. Das gilt zwar grundsätzlich auch für Unternehmer, aber nur solange, wie der Markt nicht zu Exzessen à la US-Finanzkapitalismus führt. Von daher bin ich Verfechter des „rheinischen Kapitalismus“, also der (inzwischen offenbar ausgemusterten) Sozialen Marktwirtschaft: Härten des Marktes müssen sozial abgefedert werden. Aber ansonsten haben Politik und Ideologie in Unternehmensentscheidungen nichts zu suchen.

3. „Herr Driesen sei für den Nationalstaat, und ’nationalkonservativ‘ sei ja so etwas wie ein rotes Tuch für Leute aus der linkssozialistischen Ecke. Das sehe ich anders.“

Reymann sieht es nicht nur anders, sie ist auch geistig unabhängiger als andere Linkssozialisten. Und ihre Begründung im Video ist auch interessant. Aber zurück zu mir: Stimmt, hier habe ich das Loblied auf den Nationalstaat gesungen: „Die Fürsorge der Nation ist sozusagen die Erweiterung des familiären Schutzkreises mit abstrakteren Mitteln, und es ist schlicht falsch, dass Europas Nationen immer nur Kriege im Schilde geführt hätten. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben sich über viele Jahrhunderte bei all ihren argwöhnisch gehüteten Eigenheiten tausendmal mehr gegenseitig befruchtet als bekämpft, während im Schutz der nationalen Grenzen und Grundübereinkünfte gleichzeitig zivilisatorische Sprünge möglich waren, die der entgrenzte und überrannte Supercluster namens EU unglaublich erscheinen lässt.“

4. „Er meint, der Staat solle die ‚illegalen Zudringlichkeiten‘ abwehren. Er meint damit die Flüchtlingsbewegung nach Deutschland rein. Es kann sein, dass wir da Differenzen haben, auf jeden Fall ist diese Frage natürlich ein Problem.“

Vermutlich habe ich da mit allen Linkssozialisten dieses Landes Differenzen (in anderen Ländern sind sie diesbezüglich klüger). Mir als Ökonom ist es sonnenklar, dass der unbegrenzte Zuzug aus Elendsregionen der Welt dieses Land in den Ruin treibt, und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Hoffnungsvoll stimmt mich immerhin, dass Reymann das Problem zu sehen scheint – was vermutlich allein schon ein Ausschlussgrund aus der Linken wäre. Andererseits sagt sie, Europa dürfe sich nicht einmauern, wie schon unsere Geschichte zeige. Nun, unsere Geschichte zeigt vor allem, dass die DDR eine Mauer benötigte, um das Herauskommen zu verhindern, nicht das Hineinkommen.

Vergessen wir aber nicht: Es geht hier um die Schnittmenge in Bezug auf Friedenspolitik. Wir müssen nicht politisch beste Freunde werden. Wir müssen uns nicht mal in allen Punkten verstehen, ohne uns in allen einig zu sein. Wir müssen ein einziges gemeinsames politisches Sachziel erreichen. Das können wir nur als wirklich „breites Bündnis“ – nicht das, was heute landläufig darunter verstanden wird: „… gegen rechts“. Wir werden hierzulande nie zu einer vernunftbetonten Politik zurückkehren, wenn wir die „rechte“ Hälfte dieses Landes nicht daran beteiligen (und bloß dass der Kanzler gerade Merz heißt, ist absolut kein Gegenbeweis). Ich nehme an, da wäre auch Christiane Reymann meiner Meinung.

Bitte, unterschreiben Sie ihren Appell! Und gehen Sie bei nächster Gelegenheit gegen die absurd gefährliche Aufrüstung Deutschlands auf die Straße!