Marketing-Horror unter der Dusche: Was man mir schon am frühen Morgen zumutet, schreit nach kreativer Notwehr.

Dove? Das ist doch die Marke, die es schon einmal geschafft hat, Teil dieser Hall of Fame im Serienformat zu werden! Ganz richtig, aber diesmal punktet sie nicht mit exotischer Esoterik. Diesmal tut sie einfach viel, viel Gutes. Der Feind des Guten ist zwar sprichwörtlich das Gutgemeinte, aber in der Praxis vor allem – was wenige wissen – zu viel des Guten. Und die Samt-Weich-Pflegedusche von Dove übertreibt es nicht nur mit Großbuchstaben und Trennstrichen in Adjektiven wie „samtweich“. Sie überfordert mich vielmehr mit geballter Gutartigkeit auf Gebieten, die meiner nassen Haut und meinen dumpfen Morgengedanken allesamt eher fernliegen.
Einmal mehr muss ich zunächst bekennen: Ich habe das Zeug nicht angeschleppt und bin auch nicht die Zielgruppe dieser 720-Milliliter-Vorratspackung. Sondern das sind wohl eher „preisbewusste“ junge Sparfüchse, die zum Dank für den Mengenrabatt jeden Morgen eine dreiviertelkiloschwere XXL-Plastikflasche von ihrem Duschregal stemmen und wieder zurück wuchten. Nach dem Geruch des Inhalts zu urteilen, süßlich und diffus floral, sind es sogar eher junge Sparfähen. Also Füchsinnen, die kein Problem mit billig haben. Nur ganz nebenbei: Das beinahe abstrakte und nirgends erklärte Bildmotiv vorn auf der Flasche, bei dem man vermutlich an die pflegende Wirkung von Mandelmilch denken soll, könnte auch als Knoblauchzehen durchgehen. Aber darum geht es mir nicht. Sondern hierum:

Heute werben Werber ja vor allem damit, was man alles nicht kriegt, wenn man ein Produkt kauft. In diesem Fall kriegt man erstens 0% Sulfat. Das ist bestimmt gut. Beispielsweise weiß oder ahne ich, dass Sulfate im Wein mir als zu Allergien neigendem Menschen oft Probleme machen. Warum, weiß ich nicht. Doch Warumfragen werden heute ohnehin nicht mehr gestellt, schon gar nicht von jungen Leuten. Gehen wir also wohlwollend davon aus, dass kein Sulfat auch keine Allergie bedeutet. Gut!
Zweitens jedoch bekomme ich für mein Geld hier kein SLES. Das ist bestimmt noch besser. Kombinationen aus vier Großbuchstaben, die man mir ersparen will, sind sicher was Bösartiges oder Krebserregendes. Zum Beispiel NATO oder ADAC oder BASF. Was allerdings bedeutet SLES? Keine Ahnung. OMG! SLES – WTF? Woher wissen junge Sparfüchsinnen so was? Lernt man das auf Insta oder TikTok? Bestimmt bei diesen Influencerinnen, von denen man jetzt immer so viel hört. Egal, ich dusche SLES-frei. Und nein, ich google das jetzt nicht*, denn das tue ich auch beim Griff ins Ladenregal nicht und ebensowenig unter der Dusche. Es muss schon von selbst „Klick!“ machen in meinem Kopf.
Bis jetzt hat Dove also schon zweimal Böses verhindert bzw. Gutes getan. Dreimal, wenn man die „weichere Haut“ mitzählt. Aber das war ja nur der Anfang, das Warmlaufen zur samtweichen Gutifizierung der Welt:

Oha, so viel Gutes dicht an dicht! Was aber ist das Beste? Die Flasche, die ohne Kappe und Etiketten 100% gut ist, wenngleich mit Kappe und Etiketten vielleicht nur noch 97% gut? Oder die „Formel“, die auf biologische Weise „abbaubar“ ist (und ich dachte immer, nur Arbeitskräfte sind abbaubar), was „gemäß OECD Methoden“ als 92% gut zu Buche schlägt? Oder vielleicht die „PETA Approved Vegan Global Animal Test Policy“ ohne Prozentzahl, aber mit Herzchen-Häschenöhrchen?
Nein, nein und nochmals nein. Das Beste an diesem Inferno des Guten ist, dass DOVE (vier gute Großbuchstaben) „bis 2030“ nicht weniger als einer Viertelmilliarde junger Menschen dabei hilft, „ihr Selbstbewusstsein zu stärken“. Und ihre Oberarmmuskulatur, wegen des Flaschengewichts. Einer Viertelmilliarde! Das sind 91% aller jungen Menschen zwischen Castrop-Rauxel und Wladiwostok. Ich hätte diese Prozentzahl noch dazugeschrieben.
Zählen wir zusammen: Mit DOVE ohne SLES kaufe ich gemäß OECD und PETA fünf gute Sachen** und vermeide zwei schlechte. Macht summa summarum sieben gute Gründe, um ab 2031 als Erwachsener mit gestärktem Selbstbewusstsein zu rufen: Ich will einfach bloß duschen!
*) Habe jetzt doch gegoogelt: Natriumdodecylpoly(oxyethylen)sulfat. SLES ist ein Sulfat! Beides ein und dasselbe, Letzteres bloß der Oberbegriff von Ersterem. Muss ich also ein Gutes wieder abziehen, macht in Summe sechsmal Gutes. Noch weniger wäre noch mehr.
**) Es gibt also offenbar Menschen, die im Supermarkt zunächst auf einer Packung nachlesen, wie viel Gutes ein Produkt der Welt tut. Und erst, wenn es mehr als fünfmal Gutes ist, wird das in den Wagen gelegt. Faszinierend.


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