Es gibt Menschen, die altern so gut wie ein klassisches Buch. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man schon früh einige Kapitel mitlesen durfte. Und umso mehr, wenn sie heute noch zur Hand sind: als geistiges Gegengewicht zur Rohheit der Zeit. Ein Hausbesuch.

Ich kann gerade nicht mehr über Trump schreiben, nicht mehr über Netanjahu, nicht mehr über Europas „Eliten“. Ich brauche eine Pause von diesen Figuren. Ohnehin will niemand davon lesen, und wenn das hier schon nur mich selbst beschäftigt, dann schreibe ich heute über jemanden, der mich immer mit Bewunderung und einem Gefühl der Möglichkeit von Menschlichkeit erfüllt hat. Ich verschreibe mir ein Gegengift. Eine Therapie. Eine Zuflucht zu einer vernunftbasierten, wenn auch zu Ende gehenden Welt, während die kommende … halt, ich wollte ja nicht. Und der Mann, über den ich stattdessen schreiben werde, würde jeder pessimistischen oder gar zynischen Prognose vehement widersprechen.
Dieser Mann heißt Dr. Achim Besgen. Er war mein Schulleiter auf dem Gymnasium. Da oben auf dem Bild rechts, das ist er. Das Bild muss im Jahr 1984 aufgenommen worden sein. Damals war ich 18, ich stand kurz vor dem Abitur und er kurz vor der Pensionierung. Die kam dann im Jahr darauf, unmittelbar bevor ich mein Abi in der Tasche hatte. Wir Schüler, mindestens 200-köpfig versammelt auf dem Schulhof, verabschiedeten unseren Direktor am offenen Fenster des Lehrerzimmers im ersten Stock mit einem Lied zur Melodie von „Hoch auf dem gelben Wagen“. Die eigens auf ihn zugeschnittenen Verse weiß ich nicht mehr, dabei sollte gerade ich mich erinnern. Denn ich habe sie damals geschrieben. Okay, ich war ja auch Redakteur der Schülerzeitung. Schreiben, das war meins.
Besgen: ein feiner Herr, Geburtsjahrgang 1924. Optisch wie innerlich ein Gentleman der, nun ja, alten Schule. Belesen und kultiviert. Korrekt, anspruchsvoll, eloquent und leise auf eine Art, die kein Lautwerden benötigt. Ein katholischer Priester aus Eschweiler bei Aachen als Schulleiter, das war im katholischen Rheinland auch an einem weltlichen Gymnasium wie meinem nichts Ungewöhnliches. Sehr viel bemerkenswerter schon, dass er die von ihm gerade übernommene „höhere Schule“ Mitte der 1960er-Jahre überhaupt erst zum Vollgymnasium ausgebaut hatte. Besgen unterrichtete darin von Anfang an katholische Religionslehre, weshalb ich als (damals) Protestant ihn nie zum Lehrer hatte. Aber trotzdem strahlte er auf mich – allein durch seine Präsenz und vielleicht selbst durch seine gelegentlichen Durchsagen über die Lautsprecher in den Klassenräumen – etwas aus, das mir nicht mehr verlorengehen konnte.
Das hat auch mit Schreiben zu tun. Ich wusste damals schon, dass mein Schulleiter im Jahr 1960 ein Buch veröffentlicht hatte: „Der stille Befehl“ (Nymphenburger Verlagshandlung). Es befasst sich mit Felix Kersten, dem persönlichen Physiotherapeuten Heinrich Himmlers, eines Hauptverantwortlichen für den Holocaust der Nationalsouzialisten. Kersten galt als begnadeter Chiropraktiker und Masseur und gewann so nicht nur Himmler als langjährigen Patienten, sondern im Laufe vieler Behandlungssitzungen auch dessen Vertrauen. In der Folge gewährte Himmler seinem Masseur während dieser Termine ungefilterte Einblicke in sein Denken und das Weltbild der NS-Führung. Kenntnis gewann Kersten auch von den Interna anderer Nazi-Größen, darunter Außenminister Joachim von Ribbentrop und Robert Ley, Reichsleiter der NSDAP, die alle auf seiner Behandlungsliege lagen.
Kersten führte über diese Dialoge und Begegnungen ein zunächst unveröffentlichtes Tagebuch, auf das mein Schuldirektor Ende der 1950er-Jahre Zugriff erhielt. In den Erinnerungen des Therapeuten konnte er somit die Innenwelten und Motiven von NS-Tätern und Massenmördern wie Himmler fast unmittelbar studieren. So kurz nach Kriegsende war für Geschichtsschreiber die Erkundung der deutschen Schuld noch nicht zu Sprechblasen und Leerformeln einer reinen Haltungsturnerei geronnen. Für den, der als Autor Antworten suchte, gab es noch die Möglichkeit unbegleiteter Erkundungsgänge ins Niemandsland der Zeitgeschichte. Doch furchtlos musste er sein, denn erst wenig Wissen war gesichert.
„Die Geste des Abscheus vor der Diktatur allein genügt nicht.“
Obwohl er mit diesem Buchprojekt also sozusagen ein ungeräumtes Minenfeld betrat, wies Besgens moralischer Kompass ihm einen souveränen Weg hindurch: „Die Geste des Abscheus vor der Diktatur allein genügt nicht“, schrieb der damals gerade mal 35-Jährige im Vorwort. „Sie erweist sich vor der jungen Generation so lange als unglaubwürdig, wie man nicht imstande ist, die wesentlichen Ideen der Führer von damals und deren menschliche Qualitäten zum Ausgangspunkt einer Bewertung dieser Epoche zu machen.“
Darin steckt prophetisch eigentlich alles, was heute verloren zu gehen droht oder gar schon vergessen ist: Zunächst muss ich verstehen, was ein „Monster“ umtreibt. Erst dann kann ich die monströs handelnde Person überhaupt sinnvoll einschätzen, sie be- und verurteilen. Und „verstehen“ – das sollte eigentlich trivial sein, ist es aber nicht mehr – heißt nicht „gutheißen“. Die Dynamik zwischen Himmler und seinem Heilpraktiker ermöglicht in dieser Hinsicht ein Verständnis. Sie wird im Nachhinein auch nicht dadurch weniger wertvoll, dass jüngere historische Forschungen Zweifel an einigen Aussagen in Kerstens Tagebuch geweckt haben. Er behauptete von sich selbst, Himmler manche Vernichtungspläne insbesondere in Bezug auf niederländische Zivilisten und Städte ausgeredet zu haben. Dies, so heißt es inzwischen, sei wohl in den Bereich der Hochstapelei zu verweisen.
Besgens Buch, trotz Zweitauflage längst vergriffen, sorgte im Adenauer-Deutschland für einiges Aufsehen. Selbst der „Spiegel“, der zu der Zeit noch als Wahrheits-Institution galt, widmete meinem Schulleiter 1960 eine ausführliche und inhaltlich wohlwollende Buchbesprechung. Doch wie konnte es schon damals anders sein: Im hochmögenden Hamburger Pressehauptquartier ließ man sich nur in rotzigem Ton dazu herab, auf die Recherchen und Schlussfolgerungen eines Pfaffen aus Pusemuckel einzugehen. Im schon 1960 ausgeprägten Einheits-Schnodderstil des linkselitären Besserwisserjournals unterrichtete der namenlos gebliebene „Spiegel“-Schreiber seine Leser, Besgen sei „der Kunst des Schreibens weniger mächtig als Masseur Kersten seiner Wunderfinger“. Ein schiefes sprachliches Bild, denn wie kann jemand seiner Finger mächtig sein – doch es war ja wohl von Augstein autorisiert.
Besgen in seiner stoisch duldsamen Art, noch gefestigt durch rheinischen Humor, werden solche Sottisen nicht nennenswert mitgenommen haben. Worum es ihm als Autor und als Mensch stets ging, war Erkenntnis. Und diese Erkenntnis kam für den Priester Dr. Achim Besgen, der 1949 mit einer Arbeit über den vom Katholizismus abgefallenen Philosophen Max Scheler promoviert wurde, nicht nur aus irdischen Quellen. In seinem Buch steht auch dieser Satz über den Nationalsozialismus: „Die Menschen, die ihm dienten, hatten im Maße ihrer Hörigkeit Anteil an dem Wirken widergöttlicher Mächte.“ Dass die genannten Mächte letztlich aus einer Sphäre jenseits menschlicher Begreifbarkeit stammen, ist eine Gewissheit des Geistlichen, die mich mit zunehmendem Alter auch zunehmend fasziniert. Ohne seinen religiösen Hintergrund komme ich in meiner Serie über das Wesen der Macht zu ganz ähnlichen Schlüssen.
Die Zeit ist längst über Besgens Buch und Kerstens Beitrag hinweggegangen. Das Verstreichen von mehr als 65 Jahren seit Erscheinen macht das mit jedem Thema, das irgendwann einmal Wellen schlug. Diese unumstößliche Tatsache ist mehr als alles andere beruhigend, denn sie wird dereinst auch für die zittrigsten Zeitfragen von heute gelten. Ohnehin geht es in Kleinstädten weniger erregt zu, erst recht am gemächlichen Niederrhein. In Schwalmtal-Waldniel, das kann ich brandaktuell bestätigen, gibt es nach wie vor mein St.-Wolfhelm-Gymnasium. Es wurde mehrfach saniert und um eine Mensa erweitert, seit ich mit dem Abitur von dort aufbrach, um mein kleines Glück zu suchen. Die Aula aber, die de facto auch die Stadthalle des Örtchens ist, heißt seit vielen Jahren: Achim-Besgen-Halle.

Der Namensschriftzug steht in großen goldgelben Lettern an der Fassade der Aula. Das ist auch nicht jedem vergönnt – zu den eigenen Lebzeiten! Der Schwalmtaler Ehrenbürger Dr. Achim Besgen hat es geschafft, dass man ihn gleich mehrfach höchst öffentlich auszeichnete. Nicht als Buchautor, sondern für seine Verdienste um Schule, Gemeinde und Kirche. Denn hinzu kommt, dass ihn das Bistum Aachen schon vor längerer Zeit zum Ehrendomherren des Aachender Doms ernannte, weil er sich als Priester dort viele Jahre lang als Schlichter innerkirchlicher Konflikte bewährt hatte. Achim Besgen aber ist bei all diesen Ehrungen keine historische Figur, sondern eine immer noch zeitgenössische. Seine Adresse ist seit einigen Monaten ein Waldnieler Altenpflegeheim – im 102. Lebensjahr.
Dort habe ich ihn kürzlich spontan besucht und ihm zur Begrüßung eine Ausgabe der Schülerzeitung von damals überreicht. Was sich merkwürdig angefühlt hat, weil der schreibende Schüler heute selbst immerhin fast 60 ist. Ich hatte einen Besuch bei dem gut vier Jahrzehnte älteren Herrn immer wieder einmal vorgehabt, als er noch zunehmend stark gebeugt, aber geistig unverändert vital am Rollator durchs Städtchen lief und seine Einkäufe erledigte. Das war nun nicht länger möglich. Doch Besgen ist kein Mensch, der über das Schwinden seiner Kräfte oder den Verlust des eigenen Haushalts in Jammern verfallen würde. Im Gegenteil: Er ruht in sich selbst, in rheinischer Gelassenheit und katholischem Gottvertrauen.
Besgen ruht in sich selbst, in rheinischer Gelassenheit und katholischem Gottvertrauen.
„Schauen Sie sich um hier im Zimmer“, sagt er fröhlich, im Rollstuhl sitzend. „Mir gehört hier gar nichts, kein Möbelstück. Ich bin jetzt arm.“ Als er seinen Haushalt auflöste, erzählt er, habe er die Wohnung „zur Plünderung freigegeben“. Jeder Bekannte, jeder Bittsteller durfte vorbeikommen und sich mitnehmen, was ihm gefiel. Natürlich: keine Kinder, keine Erben. Nur die Privatbibilothek – mehrere Tausend Bände – habe ein pensionierter Lehrer des Gymnasiums einer katholischen Organisation übermittelt, die eine Verwendung dafür fände.
Die selbstgewählte „Armut“, die er nun wie eine Befreiung von den Lasten seines früheren Alltags empfindet, ist dennoch relativ: Gut 5.000 Euro monatlich verschlingt der Heimaufenthalt im großen Einzel-Pflegezimmer mit Blick ins Grüne und auf ein Vogelhäuschen. Doch Besgen hatte dafür vorgesorgt, und außerdem überschlägt er blitzschnell im Kopf: Umgerechnet in Tagessätze entspreche die hohe Summe lediglich einer durchschnittlichen Hotelübernachtung, was angesichts der guten Verpflegung und Betreuung absolut in Ordnung gehe. Nur ein einziges Stück seines früheren Haushalts hat er nicht abgeben wollen: ein großdimensioniertes iPad, das im Dauerbetrieb läuft. Im Browser sind ein halbes Dutzend Tabs gleichzeitig geöffnet. „Ich bin immer noch neugierig, was in der Welt und vor allem in der Kirche vor sich geht“, sagt er. Bezüglich beider ist er sicher: Die Krisen werden gemeistert werden. Alles andere hätte mich auch überrascht.
Und sollte Dr. Achim Besgen dies auf seinem iPad lesen, dann möchte ich meinem Schuldirektor hier ein „Danke!“ schicken. Was Sie mich gelehrt haben, ohne mich je zu unterrichten: dass man zunächst verstehen muss, um daraufhin urteilen zu können. Aber auch, was ich nie vermögen werde: dass einer, trotz allem, Zuversicht haben kann.


“ Ohnehin will niemand davon lesen…”
Ganz im Gegenteil.