Innenansicht: Als ich gestern Abend Zuflucht im Bunker eines Kinosaals suchte, waren seine Wände nicht stark genug, um das Klingeln in meinen Ohren zu beenden. Denn die Welt, aus der Millionen S.O.S.-Signale auf mich einstürmen, läuft dramatisch aus dem Ruder.

Dies ist kein journalistischer Text. Auch keine Kurzgeschichte zur fiktiven Verarbeitung eines Themas. Und offensichtlich kein poetischer Versuch, mir einen Reim auf etwas zu machen, das in der Luft liegt. Keine der drei „Antennen“, mit denen dieses Magazin über den Journalismus hinaus Signale aus der Wirklichkeit zu verarbeiten sucht, lieferte akzeptable Ergebnisse. Das bewährte Bündel aufeinander abgestimmter Empfänger für verschiedene Frequenzbereiche des Daseins gerät an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. S.O.S.-Rufe aus allen Himmelsrichtungen werden überlagert von weißem Rauschen und der Hintergrundstrahlung des Universums: untaugliche Empfangsbedingungen.
Ich wende mich daher nach innen. Heute nur das Gedankenprotokoll eines alternden Herrn, auf den seit Jahren eine zunehmend aus dem Ruder laufende Welt einstürmt. Er hat diese Exponiertheit selbst verschuldet, sich zu tief in die sprichwörtlichen Kaninchenlöcher vorgearbeitet, und kann seither – um nunmehr einen Metaphernsalat anzurichten – die Risse in der Matrix nicht mehr ungesehen machen. Diesem Herrn klingeln die Ohren, und das ist keine Metapher, sondern körperliche Resonanz. Anhaltend, gleich vom Moment des Aufwachens an bis zum erneuten Einschlafen. Ebenso beim zwischenzeitlichen Wachliegen des Nachts. Ein sicheres Zeichen für Stress, für Krise. Das dauernde Ohrensausen bedeutet mentale Überforderung. Eine normale Reaktion.
Denn wie sieht die Welt aus, die das bewirkt? Es ist eine Welt des Krieges. Nicht mehr einzelner, isolierter Kriege, sondern des Zusammenfließens von Raketeneinschlägen, Bombentrichtern, Flammenmeeren, Rauchpilzen und Trümmerwüsten, von Ölteppichen und Hungersnöten. Es ist, als ob sie sich zu vereinigen suchten über Länder und Kontinente hinweg und sich, anders als früher, hineinfressen in ihre Nährböden, unlöschbar wie der Weiße Phosphor, den Israels Kampfbomber abwerfen. Aber – Vorsicht Kaninchenbau! – diese Flächenbrände sind keine eigenständigen Wesen mit eigenem Hunger und eigener Gier. Sie sind nur Ausfluss der Gier und des Machthungers von Kriegstreibern, die sie in Gang setzen und halten und die wir zur Rede stellen würden, wenn wir nicht genetflixt wären.
Die Welt, die mir die Ohren klingeln lässt, ist eine Welt der entgrenzten Aggression, des politreligiösen Irrsinns (so die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz) und der entfesselten Grandiosität von Verrückten. Ich will mit dem Zeigefinger fuchtelnde und Mordaufrufe verbreitende Mullahs davon nicht ausnehmen. Aber ich spreche aus Kenntnis von der Welt, in der Paula White, die „spirituelle Beraterin“ des US-Präsidenten, als Schamanin der Madness göttliche Siegeszeichen in Amerikas neuesten war of choice heraufbeschwört, sich dabei rhythmisch wiegend und in gefakete Trance steigernd vor laufender TV-Kamera.
Es ist eine Welt, in der die ernstzunehmende jüdische Psychotherapeutin Avigail Abarbanel befürchtet, Israels Führung könne zur Demoralisierung und Niederwerfung des Kriegsgegners Iran etwas Vernichtenderes im Sinn haben als selbst die Atombombe: die Zerstörung der Al-Aqsar-Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg, drittheiligste Stätte des Islam. Dies sei in den Augen des gesamten Netanjahu-Kabinetts, aber auch der einflussreichen christlichen Zionisten in den USA, unabdingbar für die Neuerrichtung des Dritten Tempels an diesem Ort und die anschließende Wiederkehr des Messias. „Man kann sich das alles nicht ausdenken“, schrieb sie mir auf meine Nachfrage, ob so etwas wirklich zu politischer Strategie werden könne.
Es ist auch die Welt des US-Kriegsministers (so sein offiziell geänderter Titel, den deutsche Medien gewohnheitsmäßig zum „Verteidigungsminister“ verharmlosen) Pete Hegseth. Wie viele aus seinen Kreisen hat er sich öffentlich zum Traum vom baldigen dritten Tempelbau bekannt. Es gibt ein Video davon. Nach Erkenntnissen des ehemaligen UN-Waffeninspektors Scott Ritter ist Hegseth übrigens dafür verantwortlich, dass US-Raketen bis zu 160 Mädchen in der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule im iranischen Minab in Stücke rissen: Er habe bei der Festlegung militärischer Ziele eine Planungsstufe gestrichen, auf der Analysten bis dahin sicherzustellen versuchten, dass keine Versammlungsstätten von Zivilisten wie Krankenhäuser oder eben Schulen ins Visier kommen. Daraufhin sei auch in Minab die bewährte Taktik des double tap eingesetzt worden: eine erste Rakete ins Ziel, dann kurz darauf, wenn genügend Hilfswillige zusammengelaufen sind, um die Opfer zu bergen, eine zweite hinterher.
Und es ist die Welt, in der ein Yale-Professor für Verfassungsrecht in einem Beitrag für die Washington Post fordert, dass die Vereinten Nationen nicht mehr pauschal von „illegalen Angriffskriegen“ sprechen dürften. Zwar treffe dies auf die Aggressionen Russlands gegen die Ukraine oder der Hamas gegen Israel selbstverständlich zu, doch den Attacken der USA und ihres Waffenbruders auf den Iran sowie weitere böse Mächte tue die Rechtsnorm großes Unrecht und gehöre daher abgeschafft. Es bedürfe eines neuen Systems, das ihnen ein maßgeschneidertes Recht auf präventive Selbstverteidigung einräume.
In dieser Welt gelten für den geheiligten Aggressor keine Regeln mehr außer einer: double down. Wenn du eine rote Linie überschritten hast, mache keinen Schritt zurück – reiße noch die nächsten beiden ein. Keine Einsicht in die Monstrosität des eigenen Denkens, kein instinktives Zurückschrecken vor verbrannter Erde und abgebrochenen Brücken, keine Kompromisse, keine Diplomatie außer zur Täuschung des Gegners. Zum zweiten Mal seit dem Zwölftagekrieg 2025 wurde der Iran von Trumps Geistesbrüdern Steve Witkoff und Jared Kushner am 28. Februar in laufenden Verhandlungen betrogen, als die Raketen schon im Anflug waren. Russland hat die Brüder ebenfalls kennengelernt, als der Drohnenschwarm bereits sein Ziel Putin suchte.
Während ich dies schreibe, beschallt sich mein Nachbar wie gewohnt mit Kirmes-Techno, der nicht nur seine Ohren betäubt, und verfolgt damit vermutlich eine gesündere Strategie als ich. Neuerdings singt er mit. Ich habe nicht einmal Drogen auf Lager, bis auf eine Flasche billigen Whiskeys, die ich mir zur Begleitung des kommenden Tsunamis in Reserve gelegt habe. Mein bisher einziger Hamsterkauf zu Vorkriegspreisen. Glas halb voll: Was nun kommt, wird die vielen Wehwehchen wegfegen, die wir hier bislang für politische Probleme gehalten haben. Glas halb leer: die Unterträglichkeit des Gedankens daran, was alles hinfällig zu werden droht, das man sich noch fürs eigene Leben und das der Lieben vorzustellen wagte.
Während ich dies schreibe, verlangt die günstigste Tankstelle in der Nähe 2,10 Euro für den Liter Dieselbenzin, das unser alter Opel benötigt. Vermutlich werden es am Ende dieses Textes einige Cent mehr sein. Die Straße von Hormus ist de facto geschlossen und wird auch auf Sicht nicht mehr für Tankschiffe befahrbar sein. Dafür sorgt der Kapitalismus gründlicher als jeder Minengürtel: Nach einigen in Brand geschossenen Schiffen erhalten Reeder jetzt keine bezahlbare Versicherung mehr für die Passage. Außerdem brennen die Ölraffinerien und Tanklager im Iran und immer mehr Golfstaaten. Selbst die „Öl-Insel“ Kharg ist ins Fadenkreuz der Amerikaner gerückt.
Das alles bedeutet am Rande: Mein Land wurde auf unabsehbare Zeit von einem weiteren Großteil seiner Energieversorgung abgeschnitten, die zuvor schon durch die befreundete Sprengung der NordStream-Gaspipeline und die zugehörigen „Sanktionsmaßnahmen gegen Russland“ systematisch sabotiert worden war, aber natürlich auch durch den fast gleichzeitigen Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom. Den Effekt des nun auch noch ausbleibenden Öls konnte VW noch gar nicht einkalkuliert haben, als der Konzern vor wenigen Tagen den Abbau von 50.000 Stellen wegen eingebrochener Gewinne ankündigte. Die spärlichen, nur Monate überbrückenden „strategischen Ölreserven“ sind bereits freigegeben.
Nebenbei: Auch die Düngemittel, die normalerweise durch die Meerenge verschifft werden, bleiben nun aus. Alsbald also kaum noch Produktion im Land, dafür Run auf die wenigen noch lieferbaren Waren. Vom Finanzsystem auf seinen nicht einmal mehr tönernen Füßen wollen wir schweigen, außer: Stagflation, schlagen Sie diesen grauen Begriff mal nach.
In der Industrienation Deutschland jedoch sind wir sicher, dass uns das alles nichts anhaben kann. Wir haben ja Solarfelder und Windbauern. Und Merz. Wäre die Lage ernst, würde unsere Regierung doch sicher abhelfende und sorgende Maßnahmen einleiten. Wie damals bei Corona, liebe Gläubige! Und sich nicht mehr bedingungslos auf die Seite der guten Aggressoren stellen, die uns nebenbei den indirekten wirtschaftlichen Knockout versetzen. Nichts dergleichen: Merz, Starmer, Macron machen artig Männchen und dienen den vorsorglichen Zerstörern noch Unterstützung an. Ebenso wie in Frankreich oder Großbritannien herrschen hierzulande Ruhe und Ordnung und einvernehmliches Stillschweigen. In Brüssel hebt Von der Leyen keine Augenbraue. In Baden-Württemberg wählten die Deutschen wie seit hundert Jahren die Grünen zur stärksten Partei, die den Ministerpräsidenten stellen wird, aber das fällt ohnehin nur unter Folklore.
Und gestern erst durfte ich mich mit eigenen Augen überzeugen: Es geht lebhaft zu in den Shoppingmeilen der Innenstadt. Kinder, der Frühling ist da! Papa braucht eine neue Jacke von Camp David! Allerdings gibt es ein paar düstere Wölkchen am Handelshorizont: Im Hamburger Abendblatt durften zuletzt mehrmals hanseatische Familien berichten, wie unsanft sie aus ihren Dubai-Urlaubsplänen gerissen wurden. Nun müssen sie das Shopping strategisch ins sichere Westfield-Einkaufszentrum zurückverlagern. Das sind die Frontbegradigungen und Härten des Krieges, derer die Weltliteratur voll ist.
Galgenhumor ist jetzt sicher die Tugend der Stunde. Und vielleicht ein Mittel, um die hier schon so oft erwähnten kognitiven Dissonanzen zu entzerren. Eine Gesellschaft, die nur noch der Konsum zusammenhält, ist mit einer Situation konfrontiert, die ihr diesen letzten Kitt entziehen wird. Und ein paar Millionen Muslime im Land erhalten täglich Hiobsbotschaften von Verwandten und Freunden aus den konvergierenden Kriegsgebieten. Was soll da schon passieren? Wir sind doch alle gut gelaunt hier. Oder falls nicht, dann lassen wir uns zumindest nichts anmerken. The show must go on. Diese Show, in der ein altes und müdes Land unter den Hammer kommt, von dem man glaubte, er sei nur das Werkzeug des Insolvenzverwalters. Eher scheint es nun, dass es Thor ist, der den Hammer schwingt.
Aber vielleicht wissen alle meine Mitbürger etwas, das mir entgeht. Sie spielen ihre allgegenwärtige Teilnahmslosigkeit ja nicht bloß. Vielleicht kennen alle außer mir das Geheimnis der perfekten Isolation gegen den Schrecken, der Normalfamilien anderswo schon verschlingt und auf dem Weg zu uns ist. Ach, ich weiß es doch selbst: Nicht die Last der ganzen Welt schultern! Nicht so viel online sein! Sich ein Hobby zulegen! Yoga machen! Etwas aus Holz schnitzen! Schöne Bücher lesen! Mal im Garten arbeiten! Lange Spaziergänge! Sich an den kleinen Dingen erfreuen! Sich mal wieder mit richtigen Menschen treffen statt mit Avataren!
Und wissen Sie was? Das ist alles richtig. Ich sollte das tun. Manches davon tue ich sogar. Gestern Abend ging ich in Begleitung ins Kino und schaufelte mir Popcorn ins Hirn: „Project Hail Mary“, einen Feelgood-Movie über einen einsamen Astronauten, der sich in den Weiten des Weltalls mit einem ebenso verlorenen Außerirdischen anfreundet. Ein „Hail Mary“, zu deutsch „Gelobt seist du, Maria“, ist ein Stoßgebet. Es ist auch ein letztes Aufbäumen im Angesicht der Hoffnungslosigkeit. Als ich Ende 2021 voll Begeisterung den damals neuen Roman las, war Corona noch nicht zu Ende, und der Krieg um die Urkaine, Russland, Gaza, Venezuela, Grönland, Kuba, den Iran, den Libanon, die Golfstaaten hatte noch nicht begonnen.
Heute wünschte ich, ich wäre dieser Astronaut.



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