Ein Foto und seine Geschichte: Wieder einmal wurden mir an einem Ferienstrand unerwartet die Augen für die weniger sonnigen Seiten der Wirklichkeit geöffnet – was muss ich auch immer googeln.

„He, was dümpelt denn da im Wasser?“
„Wo?“
„Na da, auf dieser Sandbank, hundert Meter vom Strand entfernt, das Boot mit der starken Schlagseite. Hat da jemand seine Yacht geschrottet?“
„Keine Ahnung. Vielleicht Migranten? Die sollen ja bei der Überfahrt übers Mittelmeer in irgendwelchen alten Fischkuttern öfter mal hier an der Südküste von Kreta anlanden.“
„Hm. Durchs Zoomobjektiv der Kamera sieht mir das aber nicht wie das typische Migrantenboot aus. Zu modern und elegant.“
„Na, dann vielleicht doch so ein neureicher Tourist, der seine Yacht nicht im Griff hatte.“
„Moment – an der Leine hängen doch palästinensische Fahnen! Was steht da am Bug für ein Bootsname? Tam-Tam? Lass mal googeln!“
Und so bekam wieder einmal einer meiner Urlaube einen Riss. Sie wissen schon, in der Matrix, die uns Touristen vom erbärmlichen Weltgeschehen abschirmt, damit wir zufriedene und besinnungslose Konsumenten bleiben. Diese Schutzfunktion bekommt trotz aller Sorgfalt beim Programmieren der Matrix ab und zu Risse. Wie damals auf Borkum, als uns dieses zufällig zitierte Lied an den Abgrund einer anderen Epoche führte. Oder zuletzt an der portugiesischen Algarveküste, als wir mitten im Kampf der Einheimischen um ihre Wohnungen landeten. Und jetzt also hier, im sonnigen Süden Kretas.
Die Motoryacht Tam-Tam gehörte zur „Global Sumud Flotilla“, mit der Aktivisten gegen Israels Verbrechen an den Palästinensern in Gaza und den besetzten Gebieten protestieren. Rund 50 Motor- und Segelboote mit Besatzungen aus Europa und Indonesien waren Ende April von griechischen Häfen und teilweise auch von Kreta aus in See gestochen, um Hilfsgüter in den zestörten Gazastreifen zu bringen. Es war von vornherein nicht realistisch, dass irgendwelche humanitären Lieferungen Gaza erreichen würden. Schon mehrfach hatte Israels Marine solche Boote weit vor der Küste aufgebracht, abgedrängt und beschädigt, Besatzungen terrorisiert und interniert. Der Vorwurf: materielle oder wenigstens ideelle Unterstützung der Hamas.
Doch die Aktivisten nehmen vor allem seit Beginn des brutalen Gaza-Feldzugs der israelischen Armee Ende 2023 immer neue Anläufe. Was sie erreichen, ist eine Vorführung: wie aggressiv und mittels seerechtswidriger Piraterie in internationalen Gewässern Israel agiert, wenn der zionistische Staat mit seinen Massakern an der palästiensischen Zivilbevölkerung konfrontiert werden soll. Es ist eine PR-Armada, die immer wieder gegen den vom offiziellen „Westen“ beschönigten Vernichtungs- und Vertreibungskrieg anläuft. Die desinteressierten internationalen Medien sollen zur Berichterstattung über die Tragödie bewegt werden. Dabei nehmen die Besatzungen bewusst das Risiko in Kauf, einkassiert, nach Israel verschleppt und mehr als demütigenden Behandlungen ausgeliefert zu werden.
Auch diesmal nahmen die Ereignisse ihren von den Demonstranten befürchteten Verlauf. In der Nacht vom 29. auf den 30. April fingen Einheiten der israelischen Marine die komplette Global Sumud Flotilla in internationalen Gewässern ab, darunter auch die Tam-Tam. Während größere Schiffe „festgesetzt“ wurden, machten Marinesoldaten die Yacht fahruntüchtig, indem sie Antriebs- und Navigationssysteme lahmlegten. Das Boot mit seiner Besatzung trieb manövrierunfähig im aufkommenden Sturm südlich von Sfakia / Frangokastello. Aus akuter Seenot wurden die Menschen an Bord von einem zivilen Schiff gerettet, während ein in der Nähe operierendes Boot der griechischen Küstenwache Berichten zufolge untätig blieb. Das aufgegebene Wrack trieb letztlich auf die Sandbank vor der Küste, wo es noch heute liegt.

Journalisten des Online-Magazins Tο Κουτί της Πανδώρας („Die Büchse der Pandora“) konfrontierten unmittelbar nach Bekanntwerden des schweren Zwischenfalls einen griechischen Regierungssprecher mit dem Vorwurf, dass Israels Kriegsmarine näher an Kreta als an Israel operiert habe, als die Aktivisten-Schiffe aufgebracht, Besatzungen auf israelische Kriegsschiffe verschleppt und Boote beschädigt wurden. Wieso habe die Küstenwache nicht zugunste der Angegriffenen interveniert? Die gewundenen Ausführungen des Sprechers fasste das Magazin so zusammen: „Die Fragen, ob die griechische Seite davon wusste, ob sie hätte eingreifen können oder ob sie bewusst darauf verzichtete, bleiben offen.“
Ganz unumwunden war hingegen der Ton einer anderen Äußerung zum Aktivismus der Global Sumud Flotilla. Bereits im Oktober 2025 verfasste ein leitendes Mitglied des Jerusalemer „Misgav Institute for National Security and Zionist Strategy“ in der „Jerusalem Post“ einen Meinungsbeitrag zum Umgang mit den gekaperten Schiffen und Booten der Palästina-Unterstützer. Im Vorspann heißt es: „Es ist Zeit für ein wenig Vergeltung gegen die hässlichen Akteure dort draußen. Hier sind zehn Dinge, die Israel zur zielgerichteten Bestrafung mit den terroristischen Trawlern anstellen könnte.“
Eine der zehn Vergeltungsphantasien, die der Autor ausbreitet, lautet: „Tauft die Schiffe auf den Namen Donald J. Trump I, Donald J. Trump II und so weiter, und rüstet sie zu Fluchtfahrzeugen um, die Flüchtlinge aus Gaza in ein neues Leben anderswo auf der Welt bringen.“ Eine weitere seiner Ideen, vielsagend vor allem angesichts des Zeitpunkts fünf Monate vor dem völkerrechtswidrigen amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran: „Schafft die Schiffe in den Arabischen (früher: Persischen) Golf und blockiert damit die Insel Kharg, die über 90 Prozent des iranischen Rohölexports abwickelt.“
Doch der zehnte und letzte Vorschlag dürfte der eigentliche Favorit des Schreibers sein: „Versenkt die Schiffe gerade noch außerhalb der territorialen Gewässer von Großbritannien, Kanada, Frankreich, Irland und Spanien, um gegen deren Größenwahn, Scheinheiligkeit und Feindseligkeit gegenüber Israel zu protestieren. Sprengt die Boote einfach vor ihren Augen in die Luft.“


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