Politische Diskussionen über Lagergrenzen hinweg sind heutzutage Ritte auf der Rasierklinge. Sie enden oft mit Verletzungen – wenn sie denn überhaupt noch stattfinden. Die Bilanz eines Selbstversuchs, der vor mehr als zwei Jahren angestoßen wurde, enthält dennoch Positives.

So ungern ich daran erinnern mag: Vor gut zwei Jahren, Ende Januar 2024, hielt sich Rotgrün mit Ach und Krach im Regierungssattel – wie sich zeigen sollte, noch fast ein Jahr lang. Mit seinem programmatisch bedeutungslosen gelben Einsprengsel war dieses Regime als „Ampel“ das bis dahin unpopulärste der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwar wäre es zu der Zeit angeblich fast zum Generalstreik gegen die Politik von Scholz/Habeck/Baerbock gekommen, zwar demonstrierten im ganzen Land vor allem die Bauern gegen ihre drohende Existenzvernichtung. Doch das linksgrüne Politikpaket von De-Karbonisierung, De-Industrialisierung und (nur als Beispiel aus der Fülle destruktiver Wahnsinnsprojekte) De-Konstruktivierung biologischer Geschlechter wurde uns einstweilen unverdrossen aufgezwungen.

In dieser Lage, sozusagen in Notwehr, und in der Tradition von Max Frisch richtete ich hier damals eine Liste von 100 Fragen an den Regenbogen. Ich wollte damit die eklatanten, schreienden Widersprüche dieser peinigenden Politik in den Raum stellen und möglicherweise Einblicke in die verque(e)re Logik ihrer Befürworter erhalten. Ich wollte wenigstens besser verstehen, warum sie meine liebgewonnene und funktionale Realität abschafften. Wie es sich für das altehrwürdige Salon-Spiel des Fragebogens gehört, waren es pointierte, auch durchaus polemische und teilweise sogar demagogische Fragen. Sie zielten auf ebenso pointierte, polemische und sogar demagogische Antworten aus dem Lager strukturell diskriminierter, aber kurioserweise zugleich regierender Minderheiten. Immerhin beanspruchten sie inzwischen eine Vielzahl an Buchstaben im Alphabet für sich: LGBTQ … XYZ. Der Regenbogen eben, in der ganzen schillernden Pracht seiner nicht nur sexuellen, sondern auch ideologisch-politischen Farben.

Indes, niemand beantwortete mir die 100 Fragen. Vermutlich lag es an meiner publizistischen Reichweite, die kaum über die gepolsterten Wände dieser digitalen Gummizelle hier hinausgeht (dafür sorgen zuverlässig Google, der Mossad, deine Mudder und andere finstere Manipulatoren des Algorithmus). Mag auch sein, dass kaum noch jemand im Land die nötige Aufmerksamkeitsspanne für drei Absätze Text hat, geschweige denn für 100 Fragen am Stück. Oder die von linksgrünen Netzwerken kultivierte Cancel Culture gebot das Ignorieren und Nichtanknüpfen des von „rechts“ dargereichten Gesprächsfadens. Jedenfalls verordnete sich das andere Ende des Regenbogens strikte Funkstille. Bis gestern.

Gestern, 25 Monate später, saß ich in einer Hamburger Schankwirtschaft jemandem gegenüber, der nach all der Zeit den Fragebogen in Schriftform beantwortet hatte. Das Ergebnis lag als langes Textdokument auf dem Smartphone zwischen den Biergläsern und zwischen uns. Warum erst jetzt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber das Ergebnis zählt. Und noch mehr als das Ergebnis zählt, dass es über dieses Ergebnis zu einem Gespräch kam. Das waren dann allerdings auch schon fast alle Erfolgsmeldungen.

Vermutlich lag es an meiner publizistischen Reichweite, die kaum über die Wände dieser digitalen Gummizielle hinausgeht.

Denn es wurde hässlich. Persönlich. Wunde Punkte wurden gesucht und gefunden, Messer in Wunden gedreht. Ich werde hier jetzt keine schmutzige Wäsche waschen und keine Zitate bringen, sondern belasse es absichtlich bei einem möglichst neutralen Sprachgebrauch. Und ich werde mich an dieser Stelle tunlichst auch nicht beklagen, denn wer Wind sät, erntet bekanntlich Sturm oder: Wenn du die Hitze nicht erträgst, dann bleib aus der Küche weg. Schon die schriftlichen Antworten auf meine aggressiven Fragen hatten eine gewisse Gegen-Aggressivität erkennen lassen. Und als es dann mündlich ans Eingemachte ging, war Aggressivität, was ich bekam. Fair enough, wie der Engländer sagen würde.

Aber das ist eben das Perfide an der heutigen Kluft quer durch die Republik: Keinesfalls kann man unter Nicht-grundsätzlich-Gleichgesinnten über Ideologien und Philosophien einfach so diskutieren, akademisch sozusagen. Denn dank linker Indoktrination und Eskalation ist „das Persönliche“ wie anno 1968 wieder „das Politische“ und umgekehrt. Seither hat eine „progressive“ Elite den Anspruch (und kann ihn zunehmend mit Machtmitteln durchsetzen), in alle Lebensbereiche hineinzuregieren – bis hin zur Berufsausübung, zur Familie, zur Ehe, zur Sexualität, zur Kindererziehung und zum zwischenmenschlichen Umgang ganz allgemein. Nur ein kurzes Fazit der Debatte deshalb: Es gab kein Happy Ending, keinen versöhnlichen Kompromiss, kein „leben und leben lassen“. Sondern am Ende aufgewühlten Schmerz.

Es hat eine schlecht durchschlafene Nacht gedauert, bis ich zumindest noch einen Nutzen dieser Tortur erkennen konnte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte mein Gegenüber diesen Nutzen schon währenddessen formuliert: Meine Fragen hätten ihn gezwungen, sich zu positionieren und sich dabei gleichzeitig zu hinterfragen. So ist es ja gedacht gewesen – nur nicht unbedingt auch für denjenigen, der die Fragen formuliert hat. Doch mir ist es ebenso ergangen: Ich musste mich in Frage stellen lassen, ganz neue Begriffe für meine eigenen Positionen finden oder alte durch treffendere ersetzen. Wie mein Gegenüber bin auch ich auf Widersprüchlichkeiten gestoßen worden. Ich musste genauer formulieren lernen, wo ich stehe, und besser als bisher begründen, warum mein Weltbild nicht bruchlos ist.

Sicher würde ich heute weiterhin von mir sagen, im Kern ein Konservativer zu sein. Als verheirateter, weißer, deutscher Familienvater vertrete ich konservative Werte wie eben Familie, Ehe, Treue, Selbstverantwortung, Selbst-Bildung. Um es für Linksgrüne noch schlimmer zu machen: Man darf mich sogar als Nationalkonservativen bezeichnen. Ich erachte die Erfindung der Nationalstaaten und ihrer Staatsvölker als eine der größten kulturellen Errungenschaften, auch und gerade im Spiegel der europäischen Geschichte. Die Fürsorge der Nation ist sozusagen die Erweiterung des familiären Schutzkreises mit abstrakteren Mitteln, und es ist schlicht falsch, dass Europas Nationen immer nur Kriege im Schilde geführt hätten. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben sich über viele Jahrhunderte bei all ihren argwöhnisch gehüteten Eigenheiten tausendmal mehr gegenseitig befruchtet als bekämpft, während im Schutz der nationalen Grenzen und Grundübereinkünfte gleichzeitig zivilisatorische Sprünge möglich waren, die der entgrenzte und überrannte Supercluster namens EU unglaublich erscheinen lässt.

Erst recht bin ich (ausgebildet als Makroökonom, damals „Volkswirt“, vormals „Nationalökonom“) kein neoliberaler Globalist. Aber auf der anderen Seite auch kein Anhänger nationalistischer Abschottung oder Trump’scher Strafzölle. Ich mag offene Grenzen – solange mein Staat sie gegen illegale Zudringlichkeit von außen effektiv sichern darf und kann. Denn offene und neugierige Gesellschaften profitieren von der friedensstiftenden Macht des Handels und der Märkte, wobei „Handel“ weit mehr ist als der Austausch von Waren gegen Geld. Es ist ein Austausch von Ideen, Visionen, Strategien sowie von Menschen unterschiedlichster Art und Herkunft. Aber alles freiwillig, alles bedingt, alles kontrolliert und auf der Basis von Geben und Nehmen. Ich mag auch Einwanderung, nur möchte ich eben eine Gegenleistung dafür und einen Nutzen statt Schaden davon. Und ich möchte die Hebel der Auswahl in der Hand behalten. Nicht aus Herrschsucht, sondern weil das überlebensnotwendig für Staat und Gesellschaft ist.

Wer eine Ideologie braucht, um sich aufrecht zu halten, der tauscht sein gesundes Knochengerüst gegen ein künstliches Exoskelett.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Ich bin teils libertär orientiert (was ich gestern Abend noch bestritten habe), insofern ich so wenig Staat wie möglich und so viel individuelle Freiheit wie möglich wünsche. Aber wiederum auch Anhänger der guten alten Sozialen Marktwirtschaft, die unseren Spachgebrauch heute offenbar endgültig verlassen hat: Mein Favorit ist ein „rheinischer Kapitalismus“ alter BRD-Prägung, bei dem Kapitalismus-Exzesse wie in den USA verhindert werden, etwa durch paritätische Besetzung von Aufsichtsgremien mit Arbeitnehmervertretern oder durch Anti-Kartell-Maßnahmen verschiedener Art. Dafür bin ich sogar bereit, ein gewisses Maß an Korruption und Anarchie hinzunehmen. Denn mir – als Konservativem! – ist spätestens seit Corona nichts widerwärtiger als die urdeutsche Attitüde „Regeln sind einzuhalten, weil es Regeln sind“. Was würde ich geben, um meinen Landsleuten diesen erblichen Kadavergehorsam austreiben zu können. Doch ich muss zugeben, dass das Fundament von Selbstverantwortung und nicht zuletzt von „educated civility“ im Land dafür zu fehlen scheint.

Also was bin ich? Gibt es nicht-wirtschaftsliberale, liberalkonservative Nationalisten mit sozialdemokratischem Nivellierungs-Affekt, gewürzt mit einer Prise Anarchist? Fakt ist: Zwei Haltungen, die ich im Alter von fast 60 Jahren kategorisch ausschließen kann, sind Nihilismus und ein „dialektischer Materialismus“, wie er Kommunisten und gerne auch Linksgrünen als Terrorinstrument dient. Das immerhin ist mir erneut klar geworden: Meine Sicht der Welt ist ansonsten ebenso im ständigen Umbruch wie diese Welt selbst. Und mit Klaus Wowereits Worten: Das ist auch gut so. Denn seit je – einzige Konstante in meinem Leben – hasse ich alle „-ismen“, die mich ganz und gar vereinnahmen wollen. Jede Ideologie, mit der Menschheitsbeglücker den Menschen selbst nach ihrem Vorbild und gegen seinen Willen zwangsverformen, war und ist mir ein Gräuel. Wer ein geschlossenes Weltbild braucht, um sich aufrecht zu halten, der tauscht sein gesundes inneres Knochengerüst gegen ein künstliches Exoskelett, das ihm nur einen genau vorgegebenen Bewegungsspieraum erlaubt.

Für die meisten Menschen, die sich aus der Wagenburg ihrer einmal erworbenen Überzeugungen nicht mehr herauswagen, muss ich ein Albtraum sein: Man kann mich nicht einschätzen, mein Denken nicht voraussagen, meine Loyalitäten nicht blind belasten. Alles muss Tag für Tag neu hinterfragt werden. Auch für mich ist das mindestens hoch anstrengend, ja es macht mich zum ewigen Außenseiter – aber meine Herren, hat das zugleich Vorteile! Wir sind heute 25 Monate weiter als im Januar 2024. Inzwischen regiert in Berlin nicht mehr die schreckliche „Ampel“, sondern ein schreckliches „schwarzrotes“ Bündnis. Mein fehlendes Exoskelett indes erlaubt es mir, mich weiterhin auf einen verlässlichen inneren Kompass zu stützen: auf mein eigenes politisches Knochengerüst.

Nur deshalb zum Beispiel ertappte ich heute den „christdemokratischen“ Kanzler, dem ich doch gemäß deutscher Lagermentalität zujubeln müsste, bei einer entlarvenden Kalkulation: Auf der Münchner Sicherheitskonferenz behauptete er kürzlich ab Minute 1:07 unwidersprochen, der Ukraine-Krieg (vier Jahre) dauere nun schon länger als der Zweite Weltkrieg (sechs Jahre). Das ist nur unter der Prämisse nachvollziehbar, dass Merz vom Zweiten Weltkrieg lediglich den Teil ab Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ zählte (22. Juni 1941). Dann kommt seine Rechnung hin. Unternehmen Barbarossa aber war der Feldzug Deutschlands und seiner europäischen Verbündeten gegen die größtenteils russische Sowjetunion. Was das über das unterbewusste Kalkül des Kanzlers und seiner NATO-Freunde verrät, überlasse ich Ihnen.

Nein, ich werde Merz nicht bejubeln, mich auch und erst recht mit seiner Sache nicht gemein machen. Wenn ich aber heute ein wenig deutlicher spüre, wo ich stehe und warum, dann war der Ritt auf der scharfen Schneide des Regenbogens am gestrigen Abend die Schmerzen wert.