Wer Schnee sagt, muss auch Matsch sagen: TWASBO präsentiert das überfällige fotografische Gegengewicht zu den kitschig weißen Wunderwelten des Hamburger Jahrtausendschneefalls von 2026. Wir feiern stattdessen die Rückkehr zum nasskalten hanseatischen Dreckswinter – rechtzeitig vor der nächsten Kältewelle.

Weder wollte noch könnte ich dem großen Kollegen DrSchwein Konkurrenz machen. Wie kein anderer schafft er es jahrein, jahraus und wetterunabhängig, in seinem Blog aus dem deutschem Alltagsgrau bezaubernde Miniaturen zu destillieren. Dazu genügen ihm die Realitäten seines schmucken Wohnorts Lünen-Brambauer sowie seiner eigenen Hände Arbeit als Jobcoach im gleichnamigen Center.
Anderswo hingegen wird die Welt ins unerträglich Idyllische verklärt und weichgespült. Zum Beispiel im Hamburger Jahrtausendwinter 2026 (erste Januartage): weiße Wunderwelten allüberall, tief verschneite Straßenschluchten, glitzernde Lichtlein auf Tannenzipfeln, rotbäckig rodelnde Kinderhorden. Das alles ist jetzt dank Mobiltelefonkameras millionenfach abfotografiert und getiktokt. Aber was für eine Vorstellung vom Leben bekommen unsere Kleinen dadurch mit auf den Weg? Diese gefährliche Schieflage muss geradegerückt werden!
Okay, schon gut: Auch ich habe allein auf den Brüstungen der Alsterbrücken Tausende höchst origineller Schneemänner abgelichtet. Auch ich habe von Dachrinnen hängende Eiszapfen so lang wie Pornostar-Gehänge Kuhschwänze fotografiert. Auch mir wurde vom Knirschen und Quietschen des frisch gefallenen Pappschnees ganz blümerant. Stimmt ja alles. Jedoch jetzt, wo die weiße Pracht an ihr unvermeidliches Ende gelangt ist: Will denn niemand an den Schneematsch denken?
Doch. Ich! Ich fotografiere den jetzt auch. Wer Schnee sagt, muss auch Matsch sagen. Das wäre ja sonst, als ob man eine schöne junge Frau in der Blüte ihrer Jahre umbrächte, um später nicht eine vom Leben wunderbar zerfurchte Großmutter im Alterskleid betrachten zu müssen. Wirklich, wenn Sie das auch nur eine Sekunde, auch nur ansatzweise für akzeptabel hielten, dann verwiese ich Sie hiermit aufs Schärfstmögliche von meiner Netzseite!
Außerdem gibt es da so viel zu entdecken. Öffnen Sie Ihre Augen für den so zu Unrecht verschmähten Matsch, als ob es kein Morgen gäbe! (Was ja in seinem Fall sogar stimmt.) Schärfen Sie Ihren vom Dauerbeschuss durch idealisierte Werbewelten abgestumpften Blick erneut für die Sensationen des Gewöhnlichen! Lernen Sie wieder das Spurenlesen, das Ihnen die Zivilisation mit Zuckerkrankheit und zynischem Zuviel an Zerstreuung ausgetrieben hat! Für Ihre Mühe winkt überreiche Entlohnung.
Betrachten wir zunächst das Bild ganz oben auf der Seite. Zu dem, der sehen kann, spricht es: „Hallo, hier ist Hamburg!“ Denn wo sonst im Land wäre es möglich, einen Kleinwagen in solch einem naturbelassenen Umfeld makellos perlmuttfarben schimmernd abzustellen? Natürlich ist das Bild am Neuen Wall entstanden, unserer Hochglanz-Konsumstraße. Versuchen Sie das mal in Berlin-Moabit. Oder selbst in München-Haidhausen. Viel Glück! Unser Hamburger Schneematsch erlaubt eben Stunts, die anderswo Eintrittsgeld kosten würden. Wir fliegen unsere Automobile mit dem privaten Heli ein, um Fotos wie dieses möglich zu machen.
Oder hier, diese allgegenwärtige Hamburger Szenerie:

Ich meine, das ist doch in seiner maximal reduzierten Ästhetik fast selbsterklärend: Diese Aufnahme universeller Vergänglichkeit sollte den Titel „Vanitas“ tragen wie einen Orden! Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wo treten wir zwischendurch in versteckte Eiswasserpfützen oder packen uns derartig, dass das Steißbein glüht (dunkler Schmelzfleck rechts)? Am Ende ist alles vergeblich. Unser Leben: ziellos, orientierungslos, würdelos – und immer bleiben CO2-Fußabdrücke zurück, die ausnahmslos zu groß sind.

Hier wiederum werden wir mit dem Auf und Ab unserer Hoffnungen konfrontiert. Während es links wie immer barrierefrei nach unten geht, ist das Emporkommen rechts – in Deutschland gilt Rechtsverkehr! – mit tausend Fußangeln und getarnten Glatteis-Fallen gepflastert. Denn nichts taut so langsam wie die Undurchlässigkeit der Klassengesellschaft. Es herrscht Permafrost auf dem schmalen Weg nach oben!


Links im Bild: das naive Bemühen, den Morast des Alltags begehbar zu machen. Was hilft aller Sand, den wir uns in die Augen respektive auf den Eispanzer streuen, gegen die desillusionierende und gleichgewichtsfeindliche Fliehkraft des Daseins? Der eitle Versuch, durch die Sümpfe der Unwägbarkeiten zu navigieren – wird er nicht regelmäßig von den Widrigkeiten unserer Existenz verweht wie die Körner des Splits vom Sturmwind eines Wärmewirbels (KI-generierte Metaphern)?
Aus dem Foto rechts hingegen dringt ein Quantum, nein ein Quäntchen Wärme. Ein Hauch von Heimat: Hamburger Bitterbier in ebenso bitterer Kälte, doch langsam lau anlaufend. Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Und wenn morgen die Tischplatte abtaute, würde ich noch heute ein Outdoor-Fläschchen leeren! Per aspera ad Astra: So sieht norddeutsche Resilienz aus. Nich lang schnacken, Kopp in Nacken. Auch im Klimawandel.

Hier blickt Sie der Schnee(mann) von gestern an und streckt Ihnen hilfesuchend seine dürren Tannenzweig-Ärmchen entgegen – umsonst. Ich schwöre, vor Tagen noch standen auf dieser Parkwiese ganze Legionen von zwei Meter großen Elite-Gardisten. Doch alle Imperien müssen am Ende in sich zusammenfallen. Looking at you, Don! Was bleibt? Ein orangefarbener, verdorrter Stumpen. Looking at you, again!

Was das ist bzw. war? Ein Iglu der besonderen Art. Darf ich Sie herumführen in diesem Winterpalast: Gleich vorn rechts ist das Ankleidezimmer. Dann, links vom langen, hallenartigen Flur mit den prächtigen Säulen, der Große Salon mit dem stets prasselnden Kaminfeuer. Gut, das war vielleicht nicht die beste Idee des Architekten, aber bei minus zehn Grad blieb das im Rahmen. Hinten, zur Terrasse hinaus, haben wir das Speisezimmer, gefolgt im Westflügel von den Gästesuiten und dem War Room. Und im Zentrum der Bel Etage natürlich noch die Master-Bedrooms, jeweils für die Dame und den Herrn des Hauses. Die einzelne Kugel vorn links: Das war das Oval Office. Leider hat der Hausherr das eingebaute Verfallsdatum dieses Weißen Hauses übersehen. Ein Omen? Looking schon wieder at you, Don!

Wenn es Nacht wird in Hamburg, legt die Stadt ihr Abendkleid an. Selbst im Winter. Neonleuchten, Autolichter: Les belles de nuit driften durch die kalte Einsamkeit der Single-Metropole. Und auch das Pack stapft durchs Packeis, wie alle anderen auf der Suche nach Paarung. Doch teilnahmslos rollt der Schwerverkehr, kein Innehalten, kein Hinübergelangen zu dir, du unerreichbar naher Traum … Nie wurde angebräunte Streusalz-Pampe emotionaler ins Bild gesetzt als hier, im trügerisch zuckenden Licht der vorüberstreichenden Scheinwerferkegel. Ach, als das deutsche Kino noch lebte!


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