Macht – was ist das im Kern? Nur ein Werkzeug, oder führt sie ein Eigenleben? Wie erfasst man etwas, das uns alle in der Hand hat, sich selbst aber dem Zugriff zu entziehen scheint? Und was könnte Macht ersetzen? In loser Folge geht TWASBO einem Phänomen auf den Grund, das unsere Nachfahren noch in tausend Jahren umtreiben dürfte.

Macht an: Der Begriff „Power“ im Digital-Zeitalter, von der KI realitätsnah als Geheimloge ins Bild gesetzt

Was mir bei der Arbeit an den beiden zurückliegenden Folgen dieser Serie klargeworden ist – und ich hoffe, dass es auch meinen Lesern so gegangen sein möge: Im ersten Teil war das die Erkenntnis, dass Macht letzten Endes nicht an den Macht-Habenden zu messen ist. Egal, welche Klasse, Kaste oder Sekte sie auch immer vertreten. Sie ist ein eigenständiges, ein universales Phänomen, von daher vielleicht sogar eher in einer Liga mit der Schwerkraft oder aller kosmischer Energie angesiedelt. Macht geht damit weit über menschliche Begierden und Begrenztheiten hinaus. Eher ist es der Macht „habende“ Mensch, der von der Macht „gehabt“ wird.

Allerdings gilt Entsprechendes auch für die (dagegen aufbegehrenden) Machtlosen, wie der zweite Teil deutlich gemacht haben sollte: Der typische Tyrannenmörder agiert nicht in einem Vakuum, sondern wird ebenso wie der Tyrann von Kräften jenseits seiner selbst beherrscht. Damit ist keineswegs zwingend eine Gruppe, Partei oder Terrorzelle gemeint, denn solch ein Attentäter kann durchaus ohne alle Hintermänner handeln. Doch niemals ohne ein mächtiges gedankliches Fundament, das man Ethos oder Programm nennen könnte. Wer sich etwa auf sein Gewissen beruft, das ihn zum Tyrannenmord gezwungen habe, der sagt eigentlich: Eine prägende Macht, die ich selbst weder vollends durchschaue noch gar kontrolliere, hat mir die Hand geführt.

Hiermit nun, mit dem dritten Teil, beschließe ich diese TWASBO-Serie. Natürlich ist die Begrenzung auf drei Folgen vollkommen willkürlich. Über das Thema, was die Macht im Kern bedeutet und bewegt, haben weitaus größere Denker als ich halbe Bibliotheken vollgeschrieben. Aber hey, ich mache das hier für lau und neben meinem Brotberuf. Zu guter Letzt also beschäftigt mich dann jetzt die Frage: Wenn Macht schon im Grundsatz viel zu „toxisch“ bzw. eigen-mächtig ist, um der Menschheit als beherrschbares Instrument zur Herstellung gesellschaftlichen Fortschritts zu dienen – was sollte dann an ihre Stelle treten? Welche Art von Gemeinwesen kommt ohne Macht-Verhältnisse aus? Ist das überhaupt ansatzweise vorstellbar?

Es hat sich hier eingebürgert, pro Folge der Serie einen Videoschnipsel aus klassischen Hollywood-Phantasien einzubauen, der einen Aspekt von Macht illustriert. Da bietet sich diesmal ein Abstecher ins 24. Jahrhundert an. Denn im Star-Trek-Universum von Raumschiff Enterprise ist zumindest im Zuständigkeitsbereich der „Vereinten Föderation der Planeten“ eine utopische Gesellschaftsordnung verwirklicht. Auf den ersten Blick funktioniert sie ohne die Knute kapitalistischer oder gar feudalistischer Machtmechanismen. Doch wie? Hören Sie einfach Captain Jean-Luc Picard zu. In den ersten Szenen dieses Schnipsels erklärt er einer ahnungslos an Bord gebeamten Erdenbürgerin aus der Vergangenheit die Details:

Für die einen ist es Kommunismus, für die anderen Propaganda des US-Imperiums: unsere Zukunft, made in Hollywood.

Ich weiß nicht, wie weit Sie geschaut haben. Nach wenigen Sekunden übernimmt ja schon der YouTuber Dave Cullen die Moderation und erklärt die ganze Widersprüchlichkeit dieser Star-Trek-Utopie: Im 24. Jahrhundert existiert das Druckmittel Geld nicht mehr – aber dennoch scheint es Anreize für Fachkräfte zu geben, so etwas Gewaltiges wie einen Sternenkreuzer herzustellen. Und vermutlich nicht nur den Wunsch, wie Picard es formuliert, „uns als Menschheit zu verbessern“. Irgend jemand muss nach irgendwelchen Kriterien unter all den hoffnungsvollen Ingenieuren diejenigen auswählen, die tatsächlich auf die Enterpise-Werft dürfen. Oder unter den Kadetten der Sternenflotte die zukünftigen Chefsesselbesetzer, denn bekanntlich kann nicht jeder Kommandant der Sternenflotte sein.

Es gibt also offenbar selbst in einer Zivilisation, die Lohnsklaverei ebenso wie Krankheit und Ressourcenknappheit überwunden hat und als buntes Gemisch galaktischer Rassen in Frieden lebt, noch irgendwelche Selektionsmechanismen. Und damit Macht. Bitte, wir kennen in Star Trek sogar Szenen, in denen jemand in eine Art Space-Gefängniszelle geworfen wird oder man ihm einen Phaser an die Schläfe hält. Also komme mir niemand mit einer machtbefreiten Gesellschaft. Nicht zu reden von all den anderen Widersprüchlichkeiten: kein Geld, aber Privateigentum, kein Markt, aber interplanetarer Handel, keine imperiale Machtpolitik, aber Kämpfe auf Leben und Tod mit außerirdischen Mächten …

Nein, Star Trek hilft uns nur insofern auf den Weg, als es vage die Möglichkeit andeutet, die destruktive Seite der Macht könne mit gutem Willen und steter Selbstoptimierung der Menschheit überwunden werden. Bei allen weiteren Schritten aber – wie soll dieses Gesellschaftssystem heißen, was macht es erstrebenswert für alle, was hält es stabil? – sind wir von Kirk und Picard verlassen. Und gar die aktuelle, nun endlich voll woke Variante der Enterprise mit einer Art antirassistischem Lifestyle-Sozialismus samt Kuscheldecken auf der Kommandobrücke grenzt an Machtmissbrauch der Serienschreiber.

Wie wird man destruktive Mächte los? Die naive Sicht der Dinge, gerade in unserem System namens Demokratie, ist ja: Wenn eine Partei oder Koalition des Machtmissbrauchs oder der Korruption schuldig wird, muss man einfach nur ihren Gegenspielern im Parlament genügend Stimmen geben, um das Problem zu beheben. Dann gibt es einen reinigenden Regierungswechsel, fälschlich auch Machtwechsel genannt. Warum fälschlich? Weil in einer „reifen Demokratie“ mit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten auf dem Buckel das alles zersetzende Korruptionsproblem eben gerade dadurch nicht behoben wird. Oder anders ausgedrückt: Die Korruption bleibt an der Macht.

So ist die erst gut zwölf Jahre alte AfD noch nicht einmal an einer deutschen Landesregierung beteiligt, aber schon in ein System interner Vetternwirtschaft verstrickt. Selbst einer der strategischen Vordenker der Neuen Rechten, der Antaios-Verleger Götz Kubitschek, zeigt sich menschlich und politisch angewidert von diesen Verstrickungen. Der Mechanismus dabei ist sogar doppelter Art: Zum einen die innere Korrumpierung – Seilschaften, Pfründe, Erbhöfe und gegenseitige Gefälligkeiten statt knallharte Auslese der Besten. Zum anderen müssen sich die jungen Wilden auch nach außen anpassungsbereit zeigen, um irgendwann beim Regierenden-Kartell mitmachen zu dürfen. Sie müssen beweisen, dass sie kompatibel zum System der Etablierten sind. Verlangt wird die Bereitschaft, ebenso prinzipienlos zu agieren wie alle anderen im System. Es zählt nicht die Farbe oder das Programm der Partei, sondern ihre Unterwerfung unter den „einen Ring“, die übergeordnete Macht, das System.

„Verlangt wird die Bereitschaft, ebenso prinzipienlos zu agieren wie alle anderen im System.“

Wie wäre es also stattdessen mit jemandem an der Spitze des Systems, der nicht korrumpierbar ist? Sagen wir: ein Kaiser. Das ist nicht so abwegig oder anachronistisch, wie es erst mal klingt. Denn ein Kaiser und König „von Gottes Gnaden“ ist unbestechlich. Er hat ja schon alles. Er ist ohnehin der reichste Mann im Land, unabhängig von Wohlverhalten gegenüber Spendern und Lobbyisten. Es ist kein Zufall, dass das zweite Deutsche Reich ab 1871 zunächst unvergleichlich aufblühte: Der Parlamentarismus war noch schwach ausgeprägt, die Bürokratenkaste sowie das Militär als Exekutive auf eiserne Disziplin eingeschworen. Korrupt war nur der sich gegenseitig bekämpfende Hofstaat – der wie der gesamte Adel bis zum Ersten Weltkrieg seine letzten Bälle auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit tanzte.

Doch mit der Industrialisierung nahm das Unvermeidliche seinen Lauf: Die politischen Parteien, insbesondere die Sozialisten aller Schattierungen, gewannen immer mehr an Einfluss. Damit war dem Populismus, aber auch dem Geschachere und dem Kuhhandel in Hinterzimmern Tür und Tor geöffnet. Erste Korruptionswellen fraßen sich durch das kaisertreue System. Mit dem verlorenen Krieg und der Weimarer Republik kehrten dann schon jene destruktiven Verhältnisse ein, an denen der Parlamentarismus heute offenbar unheilbar krankt. Kein Wunder, dass die Deutschen sich vom Alleinherrscher Hitler eine Rückkehr zu jener korruptionsarmen Verbindlichkeit erhofften, die der Kaiser für sie verkörpert hatte. Wonach sie sich sehnten, war das Idealbild des benevolenten Diktators.

Durin, der Zwergenherrscher? Zauberlehrer Dumbledore? Nein, so gechillt sieht laut KI ein „wohlmeinender Diktator“ aus.

Solch ein wohlmeinender Diktator kann durchaus aus demokratischen Wahlen hervorgehen und auf diese Weise von einer breiten Basis legitimiert werden. Doch ab dem Zeitpunkt seiner Inthronisierung hat dieser idealtypische Herrscher auf Lebenszeit sich niemandem mehr zu verantworten, außer einem Gott oder seinem Gewissen. Darauf spielte übrigens kürzlich Trump an, als er verkündete, Grenzen seiner Macht als Commander-in-Chief setze ihm nur „meine eigene Moral, mein eigener Geist. Das ist das einzige, was mich stoppen kann.“

Nun sind Hitler oder der Möchtegern-Autokrat Trump offensichtlich nicht die besten Beispiele für benevolente Diktatoren. Das Wohlwollen, eine umfassende Empathie, ein Verzicht auf Machtausübung zu Lasten der Schwachen, muss ja irgendwo sichtbar werden. Auch bricht ein wohlmeinender Diktator keine Kriege vom Zaun und gibt keine Sündenböcke zur Ausrottung frei. Aber trotz fehlender Praxisbeispiele ist die Idee, das reine Konzept einer solchen Figur in der heutigen Krise der Demokratie attraktiver denn je. Man könnte sich allerdings auch gleich Jesus als Staatschef wünschen. Und einen Haken hat die Sache noch: Ein benevolenter Diktator kann nicht abgewählt werden, wenn er aus der Rolle fällt. Sonst wäre er ja kein Diktator und außerdem manipulierbar. Das Volk muss ihn stattdessen stürzen – und da wird es dann höchstwahrscheinlich hässlich.

Also gut, versuchen wir etwas anderes: Frauen sollten die Welt regieren, um dank ihrer sozialen Kompetenzen die dunkle Seite der Macht zu neutralisieren! Okay, die Erwähnung des Namens Ursula von der Leyen lässt diese These gleich weniger funkeln. Aber selbst ohne die unabsetzbare EU-Fürstin haben gerade wir Deutschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten seit Antritt der wohlmeinenden Kanzlerin Merkel eine historisch beispiellose Feminisierung von Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft durchlebt. Und diese Entwicklung hat eine ganz neue Variante gesellschaftlicher Verelendung offengelegt: den Nanny-Sozialismus der scheinliberalen Glucken und Gouvernanten. Im angelsächsischen Raum, wo vor allem Nordamerika vom selben Syndrom befallen war, hat die Rechte inzwischen einen Begriff für die Lähmung ganzer Länder durch feministisch-kollektivistische Bevormundung geprägt: the Longhouse.

Das Langhaus war in unseren nördlichen Breiten noch bis ins Mittelalter hinein die Gebäudeform, in der Mensch und Nutztier sich zum Schutz vor Kälte dicht an dicht unter ein langes gemeinsames Dach (gerne aus Reet) drängten. Hier führten Matriarchinnen das Regiment über Großfamilien und Clans von Ackerbauenden und Viehzüchtenden. Damit die dichtgedrängte Gemeinschaft störungsfrei funktionierte, war den Männern zunächst alles Kriegerische oder auch Einzelgängerische ausgetrieben worden. Die Clanchefin, die Hohepriesterin und ihre kräuterkundigen Heilerinnen stellten die Sörens und Helges immer hübsch satt und ruhig – weshalb die Ackerbäuerchen chancenlos waren, wenn plündernde und brandschatzende Horden durchzogen, die noch nichts vom Matriarchat gehört hatten.

Maß aller Dinge im Langhaus war das Kollektiv: keine Ausreißer, keine Zuckungen von Genie und Wahnsinn, sondern ein argwöhnisch bewachter Konsens über das zu Verwaltende. Das Konzept des Privatbesitzes war unbekannt, die Zuteilung das alles beherrschende Distributionsprinzip. Spitzenleistung und Innovation, die nur durch eine brutale Konkurrenz der Ideen und Geschäftsmodelle zustandekommt, war in diesem Mikroklima ebenso tabu wie lautstarke Egozentrik und überhaupt alles, was den sozialen Einheitsfrieden zu stören drohte. Die finale Disruption dieses Systems, das in Naturvölkern ähnlich heute noch zu finden ist, kam mit der – männlich geprägten – Ersten Industrialisierung.

„Spitzenleistung und Innovation durch brutale Konkurrenz war im Langhaus tabu.“

In unserer Zeit errichteten Linksfeministinnen das metaphorische Langhaus wieder neu, indem sie Schlüsselpositionen gesellschaftlicher Macht einnahmen und ihresgleichen in die strategischen Knotenpunkte ihrer Netzwerke aufrücken ließen. Die damit einhergehende Entmächtigung des „patriarchalischen“ Wettbewerbsprinzips und männlicher Kandidaten führte Deutschland in vielerlei Wirtschaftskatastrophen: den gleichzeitigen Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom, die expansive Bewirtschaftung von Bedürftigkeit, das unsägliche DEI-Dogma („Diversity, Equity, Inclusion“), eine „feministische Außenpolitik“ ohne realpolitische Diplomatie, Verkrüppelung von Schule und Wissenschaften zu „konsensualen“ und „diskriminierungsfreien“ Wahrheitsfabriken – sowie ein dichtes Netz zivilreligiöser Gebote, die das Land paralysieren und in vieler Hinsicht vom Weltmarkt abkoppeln.

Alle diese Krisen wurden durch ein Übermaß weiblicher Tugenden begünstigt, die sich ohne starken männlichen Gegenpol in ihr Gegenteil verkehrten: Emotionalität als primäre Entscheidungsgrundlage, eine ersatzmütterliche Bevorzugung „bedürftiger“ Minderheiten gegenüber Mehrheitsinteressen, Gruppenzwang, Wohlfühl- statt Verantwortungsethik. Aber, höre ich da, Merz-Macron-Starmer-Trump sind doch Männer an der Macht! Formal ist das korrekt. Doch sie sind entweder Verbündete des Langhauses oder – im letzteren Fall – die Überreaktion des maskulinen Prinzips nach Jahrzehnten eines durchfeminisierten Linksliberalismus. Und die These war ja ohnehin nicht, dass eine männerdominierte Gesellschafts- und Weltordnung das Machtproblem lösen könne.

Interessanterweise kommt gerade in der Anglosphäre eine Welle alternativer Literatur ins Rollen, die sich der Dominanz des Langhauses auch in der Kultur entgegenwirft – etwa der Bronzezeit-Roman The Toll of Fortune von A.J.R. Klopp oder die Geschichtensammlung für Heranwachsende, Fables for Young Wolves, von Thomas Bethlehem. Schon die Titel deuten es an: Hier schwingt das Pendel erstmals zurück zu offensiv auf Wettkampf und Siegermentalität einschwörenden Narrativen, zu männlichen Rollenvorbildern aus dem Ideenuniversum der Alterativen Rechten. Doch weder ein Überschuss an weiblichen noch an männlichen Hormonen hat das Phänomen Macht bislang dauerhaft in beherrschbare Bahnen lenken können.

Ein letzter Versuch: Könnte der Anarchismus die Rettung sein? Als Faszinosum ist diese „herrschaftsfreie Gesellschaftsform“ nicht totzukriegen, obwohl historisch nie irgendwo für mehr als ein paar irrlichternde Wochen oder Monate realisiert. Denn Anarchien sind so volatil wie Kerosin: auf den kleinsten Funken hin bereit zur Explosion, die alle Träume zerplatzen lässt. Erinnert sich noch jemand an die „Capitol Hill Autonomous Zone“ in Seattle nach dem Tod von George Floyd 2020? Die CHAZ war eine für „polizeifrei“ erklärte Wohlfühlzone der Protestierer, die nach wenigen Wochen im Chaos endete, als die Gewaltverbrechen in diesem ent-mächtigten Paradies alle Skalen sprengten. Oder die von Macht befreite „Freistadt Christiania“ innerhalb von Kopenhagen: Der unkontrollierte Handel mit Cannabis in der Pusher Street musste 2024 behördlich unterbunden werden, nachdem es innerhalb weniger Jahre eine Vielzahl von Schusswaffen- und sogar Handgranatenopfern gegeben hatte.

Wenn Bilder lügen: So gewaltfrei visualisiert die KI die Anarchie in Barcelona 1936. Das „A“-Symbol existierte nicht vor 1960.

Doch die Literatur kennt auch die Beschreibung einer kurzzeitig verwirklichten anarchistischen Idylle, einen Reisebericht aus dem Barcelona des Jahres 1936. Damals hatten die Anarchisten die Elitenherrschaft für beendet erklärt, im Sattel saß nun herrschaftsfrei „die Arbeiterklasse“. Der Autor beobachtete in der katalonischen Metropole unter anderem (von mir aus dem englischen Original übersetzt):

„… jede Wand war mit Hammer und Sichel und den Anfangsbuchstaben der revolutionären Parteien bekritzelt, fast jede Kirche war angezündet und ihre Bilder verbrannt worden. Hier und dort wurden Kirchen von Arbeiter-Banden systematisch niedergerissen. Jedes Geschäft und Café trug eine Aufschrift mit dem Hinweis, dass es vergesellschaftet worden sei. (…) Niemand sagte ‚mein Herr‘ oder ‚Don‘ oder auch nur ‚Sie‘; jeder nannte jeden anderen ‚Genosse‘ und ‚Du‘ und sagte ‚Salud!‘ statt ‚Guten Tag!‘ (…) Es gab keine privaten Automobile, sie waren alle beschlagnahmt worden. (…) Praktisch jeder trug die rauhe Kleidung der Arbeiterklasse oder blaue Overalls oder irgendeine Variante der Miliz-Uniform. (…) Es war darin vieles, das ich nicht verstand, in mancher Hinsicht gefiel es mir nicht einmal, aber ich begriff es unmittelbar als einen Zustand, für den zu kämpfen es wert war.“

Der im Rückblick so unbegreiflich euphorisch gestimmte Verfasser des Reiseberichts „Mein Katalonien“ war George Orwell. Später schrieb er den Roman 1984, die bis heute eindringlichste Warnung vor einer totalitären Hölle im Namen der Arbeiter-Befreiung. Klar, im Roman herrscht EngSoz, eine Variante des Sozialismus, nicht des Anarchismus. Aber die kulturell verrohte und geschändete Horrorstadt Barcelona, die Orwell in „Mein Katalonien“ beschreibt, könnte ebensogut das ruinierte London von 1984 sein.

Widerwillig muss ich bilanzieren: Die Macht findet stets diejenigen, die sie pervertieren kann. Wohlmeinende Diktatur, Matriarchat, Anarchie – dies waren nun also drei gescheiterte Suchen nach Erlösung aus dem Dilemma der Macht. Sie markieren das Ende meiner Suche nach dem Kern derselben. Und an diesem Ende der Serie über das Wesen der Macht zerrinnt mir, nach vielen Stunden des Nachdenkens und Schreibens, jede Vorstellung davon zwischen den Fingern, was sie einst auf den Friedhof der Geschichte befördern könnte. Nichts vom Menschen Gemachtes jedenfalls. Vom Menschen, diesem von der Macht ganz und gar durchwebten und durchkreuzten Wesen. Für heute verbleibe ich ratlos.


P.S.: Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit einem Gottesstaat als Lösung. Eine neue Macht-Clique eifernder Kleriker oder Hohepriesterinnen zur Durchsetzung unanfechtbarer Gebote – madre mio, das fehlte uns gerade noch.