Macht – was ist das im Kern? Nur ein Werkzeug, oder führt sie ein Eigenleben? Wie erfasst man etwas, das uns alle in der Hand hat, sich selbst aber dem Zugriff zu entziehen scheint? Und was könnte Macht ersetzen? In loser Folge geht TWASBO einem Phänomen auf den Grund, das unsere Nachfahren noch in tausend Jahren umtreiben dürfte.

Macht an: Der Begriff „Power“ im Digital-Zeitalter, von der KI realitätsnah als Geheimloge ins Bild gesetzt

Am Ende des ersten Teils dieser Serie über den Kerngehalt und die fundamentale Eigenart des Phänomens Macht kündigte ich an, dass es beim nächsten Mal – also jetzt – um „machtvolle Netzwerke“ gehen solle. Doch das wäre fast zwangsläufig eine Auseinandersetzung nicht mehr mit dem Wesen, sondern mit (austauschbaren) Dienern der Macht. Das wiederum würde auf Abwege führen: vom primären zu einem nur noch nachgeordneten Aspekt des Themas. Primär hatte ich ja zuletzt dargestellt, dass Macht ein komplexes Eigenleben führt, unabhängig von allen „Macht-Habern“. Ach, es ist ein schmales Drahtseil, auf dem man hier als Autor balanciert, wenn man beim Kernthema bleiben will.

Um mich auf diesem Drahtseil weiter vorantasten zu können, habe ich mir daher ein anderes Zwischenziel gesetzt. Auf dem heutigen Teilabschnitt ist das Seil zwischen den gegenteiligen Polen „Dominion“ und „Agency“ gespannt. Ganz grob lassen sie sich für den Augenblick mit „Fremdherrschaft“ und „Selbstwirksamkeit“ übersetzen. Die beiden abstrakten englischen Begriffe spielen in der politischen Theorie beziehungsweise in der Individualpsychologie eine immer größere Rolle, und zwar jeder für sich allein. Doch noch nirgendwo habe ich eine Analyse gelesen, die sich mit dem Spannungsfeld beziehungsweise der Wechselwirkung zwischen beiden befasst. Dabei knistert diese Spannung fast körperlich spürbar. Könnte sie zu Geistesblitzen führen? Versuchen wir es!

Der Einstieg in diese Erkundung ist wieder etwas für Cineasten. Auf Hollywood ist Verlass, wenn es um kraftvolle Bilder für das abstrakte Wort „Macht“ geht. Schon im ersten Teil hat mir ein Spielfilm die passende Szene geliefert, um mich dem Kern des Begriffs Macht überhaupt annähern zu können: mit einem brutalen Mord aus dem dritten Teil von „Der Pate“. Der heutige Ausschnitt stammt aus einem nicht weniger berühmten Film, dem Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“:

Tödlicher Test: Am Ende des Procederes wird die Firma Tyrell einen Mitarbeiter weniger haben

So explosiv verläuft der berühmte „Voight-Kampff-Test“, benannt nach seinen beiden (fiktiven) Entwicklern. Dieser entlarvenden psychologischen Befragung wird die Testperson Leon durch einen Experten des Biotechnologiekonzerns Tyrell Corporation unterzogen. Im Ergebnis soll klar werden, ob es sich bei Leon um einen Menschen oder um den Typus des von Tyrell hergestellten Nexus-6-Replikanten handelt.

Das Verfahren ähnelt also dem real existierenden Turing-Test: eine Methode zur Unterscheidung natürlicher von künstlicher Intelligenz. Die künstlichen Replikanten aus „Blade Runner“ sind nämlich selbst für den Hersteller kaum noch von unsereinem zu unterscheiden – außer durch ihre enorme Gefährlichkeit, die den Interviewer dann leider sein Leben kostet. Denn als er Leon mit seinen Fangfragen in die Enge treibt, um dessen geschickt verheimlichte Maschinen-Identität aufzudecken … na, Sie haben ja selbst gesehen.

Der Test im Film ermittelt Mensch oder Maschine anhand emotionaler Reaktionen oder dem Fehlen derselben. Echte Emotion ist menschlich, während einem Replikanten durch seine Programmierung nur ein Vorrat an Gefühlssimulationen zur Verfügung steht. Der Replikant ist intelligent und autonom, also aus selbstbestimmtem Kalkül handelnd. Eines aber ist er nicht: wertegetrieben. Die wildgewordenen Replikanten des Films kennen nur einen Imperativ: das eigene Überleben um jeden Preis. Eine Moral, ein Gewissen als altruistische Handlungsmaxime ist ihnen fremd. Das darf man dämonisch nennen. Gerade deshalb hat ihnen Tyrell eine Lebensspanne von nur wenigen Jahren eingebaut.

Die Amoralität der Replikanten ist also zugleich der größte Feind ihrer selbst. Und das führt uns zur „Agency“. Das Wort stammt vom lateinischen Agens, der wirkenden Ursache, Kraft oder Macht. Agency ist die Macht über das Selbst – und damit über die inneren Dämonen, die zerstören oder lähmen wollen. Macht, dieses janusköpfige Doppelwesen mit dem Eigenleben aus Teil 1 dieser Serie, ist in jedem Menschen angelegt: konstruktiv ebenso wie destruktiv. Und natürlich kann sie sich mehr oder weniger entfalten (meist weniger). Einen moralisch handelnden Menschen führt sie auf dem Fundament eines abstrakten Wertesystems zu (mehr oder weniger) konstruktiver Selbstwirksamkeit. Sie lässt ihn in Schlüsselsituationen über basale Instinkte und Selbsterhaltungstriebe hinauswachsen.

„Agency ist die Macht über das Selbst – und damit über die inneren Dämonen.“

Doch es gibt Menschen, die davon unberührt sind. Während selbst Psychopathen oder Nihilisten Autonomy besitzen, die Fähigkeit zum selbsttätigen Entscheiden, verfügen sie nicht über Agency, die Macht der moralisch fundierten Selbstwirksamkeit. Deshalb ist es Agency und nicht Autonomy, die wir im positiv wertenden Sinne als Menschlichkeit bezeichnen. Das lässt allerdings nicht den Umkehrschluss zu, dass ein Replikant nicht moralisch handeln könnte. Wäre seinem neuronalen Netzwerk ein moralischer Code einprogrammiert, also ein Muster von Werten wie „gut“ und „böse“, das in seiner Entscheidungshierarchie ganz oben angesiedelt ist, dann würde auch er über moralische Agency verfügen.

Wie das aussehen könnte, erzählt Isaac Asimovs Kurzgeschichte Runaround, in der er 1942 die berühmten „drei Gesetze der Robotik“ schuf – mit dem ganz zu oberst fest im Elektronenhirn verdrahteten Befehl, dass ein Roboter oder Replikant unter keinen Umständen einen Menschen schädigen darf. Erst Regel Nummer drei erlaubt es ihm, seine eigene Existenz zu schützen – sofern das nicht gegen die anderen beiden Gesetze verstößt. Während es in der Praxis also Menschen ohne Agency gibt, sind umgekehrt Replikanten mit dieser Ausprägung von Macht denkbar. „Die Herausforderung ist es“, schreibt der amerikanische Philosoph Michael LaBossiere, „einen Test für moralische Agency zu entwickeln. Es wäre interessant, wenn Menschen ihn nicht bestünden.“

Doch dazu weiter unten mehr. Schauen wir uns zunächst den Gegenpol im eingangs beschriebenen Spannungsfeld an: Dominion. Auch dieses englische Wort kommt aus dem Lateinischen: Das Subjekt ist der dominus, der Herr und Meister. Dessen Objekt ist das dominium, das er beherrscht. Wir reden ja auch von dominieren. Es geht also um Zwangs- oder Fremdherrschaft, allerdings hier nicht länger auf einer individuellen Ebene, sondern auf derjenigen von Kollektiven und Territorien, von Politik. Ein dominion der Britischen Krone war zeitweilig Australien, aber auch zum Beispiel Kanada oder Neufundland. Der hierbei ausgeübte Grad von Zwangsherrschaft war nur unwesentlich geringer als in den Kolonien.

In der politischen Theorie steht ein „Dominion“ für das Ausüben politischer Autorität oder Dominanz über ein annektiertes Territorium. Diese Definition geht auf John Wyclif zurück, einen englischen Philosophen und Kirchenreformer des 14. Jahrhunderts. Er unterschied zwischen dem divine dominion, einem Stück Himmelreich auf Erden, leider nur vor dem Sündenfall von Adam und Eva erhältlich, und dem seither verbliebenen civil dominion, stets bedroht von der Gier der Menschen nach Bereicherung und Machtmissbrauch. Wyclif fand aber natürlich trotzdem einen Weg, weltliche und insbesondere absolutistische Herrschaft über fremde Länder mit theologischem Geschwafel zu rechtfertigen. Schließlich wusste auch er, wo Bartel den Most holt.

Im Kern ging das Argument so: Ein gütiger Herrscher erhält sein Land von Gott verliehen. Es ist also gar nicht sein Besitz, sondern Gottes Lehen, auf dem er nur Statthaltergewalt ausübt. Christenherrscher haben damit ein biblisches Mandat, sich die Erde Untertan zu machen („to take dominion over the Earth“) – Genesis 1:28. Dazu zählt die vollständige Kontrolle über alle gesellschaftlichen Aspekte von der Politik über die Wirtschaft bis hin zur Kultur. Es muss ja überall christlich zugehen, das ist die Bedingung für Gottes Gnade.

Gute Mächte bei der Arbeit: Genesis 1:28, von der KI ins Bild gesetzt. Zum Glück ist das Wetter outdoor-freundlich.

Und weil das aktuell den Plänen des globalistischen Imperialismus so gut zupass kommt, argumentieren vor allem angelsächsische „Dominionisten“ heute immer noch so, oder besser gesagt nimmt ihre Reichweite wieder zu. Am eifrigsten tun sich dabei einmal mehr die bibelschwingenden Neocons in den USA hervor. Wenn Trump morgen Grönland annektiert, dann wird es ebenso wie Venezuela oder Kuba, ja vielleicht sogar das unglückliche Kanada, zum Dominion des Imperiums werden (falls er es nicht gleich zu einem Bundesstaat erklärt). Die christlich-fundamentalistischen Warlords in Washington werden Gott preisen, dass Grönland dank Seiner gnädigen Fügung endlich in den richtigen Händen ist. Und ganz MAGA wird „USA! USA!“ skandieren.

Nun haben wir also zwei Definitionen von „guter Macht“. Auf der einen Seite die Gewalt von Gottes Gnaden über Territorien und Völker, um ihnen zu ihrem eigenen Besten den wahren Glauben und die gottgewollte Ordnung zu bringen: Dominion. Und auf der anderen Seite das individuelle Handlungsgerüst der Moral, um die inneren Dämonen niederzuhalten und das konstruktive Selbst zu befreien: Agency. Beide kommen sich als Konzepte schon systematisch bedingt nicht in die Quere – bloß erscheinen sie halt trotzdem als die beiden Pole in einem Spannungsfeld. Das wird klar, wenn man die einfache Frage stellt: Was vermag Agency unter den Bedingungen eines Dominions?

„Wenn Trump morgen Grönland annektiert, wird es zum Dominion des Imperiums.“

Okay, die Frage stellt sich mir auch recht dringend in eigener Sache. Denn seien wir ehrlich: Was sind wir hier denn anderes als Klein-Trumpistan? Wenn uns Dämonisches von außen aufgezwungen wird, können – und wollen – wir dann immer noch die inneren Dämonen niederhalten, selbst als überzeugte Konstruktivisten? Intuitiv möchten wir alle vermutlich erst mal lauthals „Pro Agency! Contra Dominion!“ schlachtrufen. Und zwar, weil das eine nach Freiheit und das andere nach Knechtschaft riecht. Aber stimmt das eigentlich? Ich werde jetzt absichtlich den Anwalt des Teufels (also der dunklen Seite der Macht!) spielen und Sie ein wenig irritieren. Weil ich nämlich auch irritiert bin, und warum soll es Ihnen besser gehen als mir.

Der Witz ist folgender: Agency hat nichts mit freiem Willen zu tun! Zynisch könnte man sagen: Nicht nur die theoretisch denkbaren Replikanten, denen man ein Agency-Modul eingebaut hat, handeln programmgesteuert. Nein, gerade auch moralisch fundierte Menschen befinden sich in einem Zwangssystem, eben dem moralischen Code. Sie folgen ja in ihrem Handeln einem tief eingeprägten und von außen übernommenen Muster, ähnlich einem Lochkarten-Programm. Ein Mensch mit Agency handelt unter innerem Zwang (auch Gewissenszwang genannt). Er steht unter dem Diktat der aus seiner Sicht konstruktiven Manifestation von Macht.

Der schon erwähnte US-Philosoph LaBoissiere ruft für die Existenz einer Zwangs-Agency seinen deutschen Berufskollegen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) als Kronzeugen auf: Leibniz sei der Überzeugung gewesen, dass jeder Mensch so handelt, wie es seine innere Natur vorschreibt. Dennoch sei der Mensch für ihn frei. Wie bitte? Das vermeintliche Paradoxon lässt sich folgendermaßen auflösen: Freiheit, so LaBossiere, sei laut Leibniz „ungehinderte Selbst-Entwicklung.“ Unfreiheit sei die Kontrolle des Handelns von außen, während Freiheit bedeute, aufgrund eines internalisierten Charakters und Wertesystems zu handeln – eben aufgrund der „inneren Natur“. Dieser philosophische Kunstgriff dient dazu, Freiheit und Determinismus (Vorherbestimmtheit) miteinander kompatibel zu machen.

Laut KI gehören zur guten Seite der Macht offenbar die fliegenden Hallelujah-Berge von Pandora.

Man darf nicht vergessen, dass Leibniz einer der letzten großen Philosophen war, die zugleich auch als Naturwissenschaftler brillierten. So konnte er beim Bewerten menschlicher Freiheit nicht über die uns bestimmenden Naturgesetze hinwegsehen. Von daher treffen also mit Dominion und Agency nicht etwa Fremdherrschaft und Handlungsfreiheit, sondern zwei Arten von Zwängen aufeinander: ein äußerer, politischer, und ein innerer, moralischer. Was aber heißt das in Bezug auf die Natur der Macht selbst, die auf einen moralisch fundierten Dominion-Bürger wirkt? Die philosophischste Antwort darauf scheint mir zu sein: Kommt darauf an!

Wenn wir uns Macht noch einmal als ambivalentes Wesen vorstellen, das konstruktive und/oder destruktive Wirkungen ausübt, dann kommt es darauf an, wie das Domnion auf uns einwirkt. Ist die Fremdherrschaft „gütig“, also „gottgefällig“, also konstruktiv im Sinne des Gemeinwohls? Dann passt das höchstwahrscheinlich sehr schön zum moralisch-konstruktiven Zwangshandeln eines davon betroffenen Individuums. Übereinstimmung – und Frieden auf Erden! Ist der Dominus aber selbstgefällig, brutal und raffgierig, dann fordert der äußere Zwang den inneren heraus, nach Kräften gegenzuhalten.

Und das wirft für mich auch ein ganz neues Licht auf die alte Debatte, ob und wann ein Tyrannenmord moralisch vertretbar ist. Nicht wegen der juristischen oder moralischen Bewertung. Sondern in Form der Erkenntnis, dass die Ermordung eines Despoten keine Manifestation von Freiheit ist. Mit dem Tyrannen und seinem moralisch motivierten Attentäter kollidieren vielmehr zwei Ausprägungen von Zwang oder Gewalt. Oder eben von Macht. Wie überall in der Natur: Reibung erzeugt Hitze, Druck erzeugt Gegendruck, Gewalt führt zu Gegengewalt. In letzter Konsequenz: Dominion und Agency – zwei Namen für das doppelköpfige Wesen der Macht.


Nach der nicht eingehaltenen Ankündigung vom letzten Mal wage ich nur eine Vermutung, worum es in der nächsten Folge von „Das Wesen der Macht“ gehen könnte: um die Frage, ob – und wenn ja, durch was – das unkontrollierbare Biest namens Macht ersetzt werden könnte.