Mitten in unseren Städten verwittern und verfallen die ehemaligen Säulen der Gesprächskultur: öffentliche Telefone. Abgeschaltet, ausgeschlachtet und endgültig Vandalen preisgegeben – höchste Zeit für einen allerletzten Anruf.

Neulich, bei der erfreulich gut besuchten Lesung im Salon Schmidt, handelte einer meiner älteren Texte vom langsamen Sterben der öffentlichen Fernsprechapparate. Inzwischen ist es nahezu abgeschlossen, sodass dies hier ein finaler Anruf wird, ein Nachruf. Zuletzt hießen die einstigen Telefonzellen in Telekom-Sprech nur noch „Telefonstationen“, weil sie längst ihrer postgelben Kabinen mit Vollverglasung und Eingangstür beraubt waren. An deren Stelle waren minimalistische gläserne Windabweiser getreten, die den Benutzer weder vor Wind noch Wetter schützten. Was in der Endphase noch von der öffentlichen Telefonzellenkultur verblieb, war damit nicht viel mehr als eine trotzig strammstehende Metallsäule mit einem erregt magentafarben leuchtenden Hütchen. Sagen wir es plastischer: ein Telefonpimmel.
Dass diese Säulen der Kommunikations-Gesellschaft dann aber angesichts der Übermacht von mehr als 120 Millionen deutschen Mobilfunkverträgen nicht Knall auf Fall abgeräumt, sondern einer langen Agonie des Verfalls preisgegeben wurden, ist für vergangenheitsfixierte Menschen wie mich ein Wehmut auslösender Trigger. Einerseits. Andererseits gibt mir dieser Zersetzungsprozess die Chance, hier noch einmal den morbiden Charme der Zeugen einer nunmehr vergangenen Epoche im Bild festzuhalten.
Denn der allmähliche Verfall der obsoleten Kommunikationstechnik ist eben auch ein starkes Symbol für den allgemeinen Niedergang der Gesprächskultur. Junge Leute machen heute ja alles mit dem multimedialen Smartphone, das sich als Killer der Zellen erwies – nur eines tun sie nicht damit: telefonieren. Stattdessen wird getextet, gewhatsappt und emojit, falls es diese Verben überhaupt gibt. Das höchste der Gefühle ist eine monologisierte Voicemail zur zeitverzögerten Kenntnisnahme am anderen Ende der Datenleitung. Miteiander in Echtzeit reden? Pure Überforderung.
Aber so komme nun halt ich als Chronist einer untergegangenen Ära zum Zuge. Schauen Sie zum Beispiel die Bildleiste oben an: Hier ist, ursprünglich ohne dokumentarische Absicht, das Hinscheiden meiner persönlichen Nahversorgungs-Telefonstelle festgehalten. Nicht, dass ich sie je benutzt hätte, warum auch, aber sie stand (und steht als Ruine immer noch) am Eingang zum Park hinter meinem Wohnblock. Im Winter 2010 – meine Güte, war ich jung – knipste ich bloß das Detail des weißen Dächleins mit der darauf thronenden Leuchtboje, vermutlich wegen des hübschen Farbkontrasts nach einem seltenen Hamburger Schneefall. Bedenken Sie: Damals telefonierte man an dieser Stelle noch regelmäßig!
Auf dem mittleren Bild sind wir dann schon zwölf Jahre weiter. Die Dunkelheit von Corona weicht nur langsam, aber unverdrossen lockt das rötliche Leuchten müde Wanderer aus dem Schutz der Nacht zum Licht. Ob es damals auch noch hielt, was es versprach, ist nicht mehr gesichert. Aber immerhin: Da war noch Stromanschluss! Die Zivilisation war noch nicht erloschen! Erst auf dem Bild rechts, das nur wenige Wochen alt ist, zeigt sich das ganze Elend des modernen Lebens und Sterbens in der Großstadt. Hörer weg, Strom weg, schutzlos den eiskalten Elementen ausgeliefert und von talentfreien Vandalenhänden verunziert, ist der ehemalige Kulturstandort nun vollständig ausgeweidet und dekommissioniert. Vielleicht vertraut man bei der Telekom wirklich darauf, dass das Problem von selbst weggeht, wenn man es lange genug ignoriert. Billiger als Rückbau ist das natürlich.
Dies wiederum ist bereits das letzte Verwandlungsstadium einer ehemaligen Sprechstelle: der Übergang zum Totem, zur monolithischen Kultstätte mit magischer Aufladung. Ihre Erhebung in einen höheren spirituellen Stand verdankt die Säule ihrem Standort: Einerseits befindet er sich im langen Schatten des Museums für Kunst und Gewerbe, also durchaus noch im Wirkungsbereich kreativer Designstrategien für schmucklose Technologie. Ich nehme an, durch diese Nähe kam die Stahl-Stele zu ihrer Dekoration mit kontextfreien Sprachzeichen und Richtungspfeilen. Andererseits zeugen Tags („Panik“) und Fettstift-Gekrakel vom nie erlahmenden Strom der lebenden Leichen, der hier täglich in beide Richtungen vorbeizieht: Junkies auf ihrem Pendlerpfad zwischen den Konsumorten Hansaplatz und „Drob Inn“.
Standhaft verortet sich dieser Fernsprechstummel damit selbst posthum noch dort, wo er immer hingehörte: im Schnittpunkt der gesellschaftlichen Spannungslinien und Diskurse zwischen Hochkultur und Straßenstrich. Also mitten im Leben. Keineswegs ist mit der Abschaltung des Geräts auch der damit verbundene „Hotspot“ erloschen. Er existiert weiterhin an genau diesem Ort. Nur anders.
Es macht übrigens keinen qualitativen Unterschied, wohin man sich hierzulande wendet: Ob Nord oder Süd, die Telekom ist schon dagewesen und hat die Hörer samt stahlummantelter Spiralkabel abmontiert. Oder waren es doch die Metalldiebe, die unser Land von Flensburg bis Freiburg bewirtschaften?
Aber irgendwie auch wieder symbolisch, dass überall ausgerechnet die Sprechmuschel physisch entfernt wurde, während die Restruinen stehenbleiben durften. Nimm den Leuten das Mundstück weg, schneide ihnen den direkten Draht ab – das entmutigt sie schon von weitem, hier mal Tacheles reden zu wollen! Oder, wie man es in linken Kreisen formulieren würde: Nur konsequentes De-Platforming cancelt zuverlässig noch die letzte unkorrekte Stimme. Wir sind, wie gesagt, in Deutschland: Fresse halten und weitergehen!
Eine hübsche Hommage immerhin ist dieses Gesamtkunstwerk. Gleich neben der still und stumm starrenden Säule haben street artists einen Trafokasten genutzt, um auch dem ältereren Cousin der Telefonzelle ein Denkmal zu setzen: dem haushaltstypischen Wählscheibenapparat der Bundespost-Ära. Offenbar reichen die Assoziationsketten des kollektiven Geschichtsbewusstseins doch immer noch zurück in jene Zeit, als man Telefonnummern noch memorieren oder nachschlagen musste und kurbelte, statt zu tippen. Das schnarrende Wählscheibengeräusch, während Stromabnehmer über Kontaktstellen schleiften und elektrische Relais Verbindungen herstellten, werden Benutzer echter Telefonzellen (Bundespost) nie vergessen.
Es ist ein langer Weg gewesen seit dem 12. Januar 1881, als in Berlin die erste Telefonzelle in Betrieb ging – damals noch als „Fernsprechkiosk“, für dessen Benutzung man ein „Telephon-Billet“ erwerben musste. Münzfernsprecher wurden ab 1899 aufgestellt, zunächst nur in geschlossenen Räumen, dann ab etwa 1920 freistehend und zunehmend flächendeckend im Stadtbild. Nach Blau-Gelb und Rot wurde erst ab 1946 auf das amtliche Postgelb für die Kabinen umgestellt. Die ersten Kartentelefone statt Groschengräber in den Zellen gab es 1983 in Frankfurt am Main. Am 1. Oktober 1984 stieg der Preis für eine Telefonzellengesprächseinheit von 20 auf 30 Pfennige. Um die 150.000 Zellen standen damals in der sogenannten BRD, die meisten davon betriebsbereit, wenn auch nicht selten zusätzlich als Urinale benutzt. Mit der Privatisierung der Deutschen Telekom 1995 wandelte sich die Farbe der Telefonhäuschen erneut, diesmal in eine Kombination aus Magenta und Grau.
Das letzte gelbe Exemplar – alle anderen waren schon durch die beklagenswert nackten Säulen ersetzt – wurde im Oktober 2018 am Westufer des bayerischen Königssees abgebaut. Laut Wikipedia sollen die heute noch verbliebenen rund 12.000 öffentlichen Telefon-Ruinen im Land nun bis „Mitte 2026“ abgebaut werden, doch in der Vergangenheit wurde die Ziellinie immer wieder gerissen. Außerdem schneit es ja jetzt in großen Teilen Norddeutschlands, da wird es also auch diesmal nichts werden mit dem Wunschtermin.
Aber einen Ausblick darf ich an dieser Stelle schon wagen: In ein paar Jahren wiederholen wir dasselbe Trauerritual anlässlich eines anderen Massensterbens. Nach dem absehbaren Ende von Münzen und Scheinen wird dann nämlich auch die Zeit der Geldautomaten ablaufen. Wie das aussehen könnte, sehen Sie dank TWASBO und seinem reisenden Reporter heute schon hier:


Freunde von mir wohnen in Michendorf. Im dortigen „Fernmeldezeugamt Berlin, Außenstelle Potsdam“ stehen die ausrangierten Telefonzellen aus ganz Deutschland. Es sind Tausende, dicht an dicht.
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/05/potsdam-letzte-telefonzelle-friedhof-michendorf.html