Nach einer neuen EU-Verordnung dürfen Lebensmitteln demnächst Insekten beigemischt werden. Die „Eat ze Bugs“ Memes werden so wohlmöglich bald zur Realität. Wandeln sich die Bewohner des RTL-Dschungelcamps nun von TV-Opfern zu visonären Musterbürgern? Eine heitere Bestandsaufnahme zum Würgen. Guten Appetit!

Als im Januar 2004 die erste Staffel des RTL-Dschungelcamps ausgestrahlt wurde, trat der kulturelle Untergang des Abendlandes in seine heiße Phase. Das Privatfernsehen testete nach „Big Brother“ wieder einmal die Grenzen des Machbaren: Promis und solche, die dazu erklärt wurden, durften sich durch diverse öffentliche Ekel- und Kotz-Prüfungen aus ihren Karriere-Löchern wieder herausbuddeln. Vom Tabubruch war damals die Rede, von Schamlosigkeit und vom spätkapitalistischen Erniedrigungs-TV, vom Anfang des Ende des Anfangs von irgendwas. Verstehen wir den Begriff „Kultur“ nun ganz grundsätzlich als zivilisatorischen Gegenentwurf zur unberührten „Natur“, so war es wohl nur konsequent, dass die Dschungel-Kandidaten ihre Torturen nicht in einem geschlossenen Container absolvieren mussten, sondern in der mehr oder weniger freien Natur. Erst dort erhält der Überlebenskampf seinen authentischen Kick.

Inzwischen ist das Dschungelcamp wohl zu einem Teil unserer Kultur geworden – ob das nun für oder gegen deren Untergang spricht, bleibt eine Sache der Interpretation. Selbst das Feuilleton (bzw. das, was heute noch davon übrig ist) hat längst davor kapituliert und die einstige Abscheu durch ironischen Voyeurismus ersetzt. Unter Journalisten und Studenten gilt die Sendung als „Guilty Pleasure“, von manchen wird sie gar zum spannenden soziologischen Experiment hochgejazzt. Derart gesellschaftlich geadelt, durfte sich nun auch Djamila Rowe, die Siegerin der erst kürzlich ausgestrahlten 16. Staffel, als eine durch Lagerfeuer-Mobbing und Würmerschleim gestählte Dschungelkönigin der Öffentlichkeit präsentieren.

Was gehört sonst noch zur Kultur? Essen natürlich. Und hier kommt der Dschungel nun endgültig in unserer gesellschaftlichen Realität an. Denn Überlebenstraining liegt auch ernährungstechnisch im Trend. Die Europäische Kommission hatte fast zeitgleich zur Ausstrahlung der letzten Dschungel-Staffel einige Insektenarten als Nahrungsmittel zugelassen, darunter den Mehlkäfer, die Wanderheuschrecke und die Hausgrille. Anträge für die Genehmigung weiterer Insekten liegen offenbar auch schon vor, die Kommission informiert.

So mancher ehemalige Lebensmittelschädling wird also demnächst ganz offiziell selbst zum Lebensmittel. Den gemeinen Durchschnitts-Europäer wird es vermutlich erst einmal etwas Überwindung kosten, diese neuen Proteinquellen als Teil seines Speiseplans zu akzeptieren. Gerade dabei sind uns die furchtlosen Dschungel-Promis nun bereits meilenweit voraus, schließlich wurde ihnen von RTL schon weitaus schlimmeres vorgesetzt. Im Abtrainieren des Würgereflexes könnten sie zu wertvollen Vorbildern für die restlichen Verbraucher werden. Wundern wir uns also nicht, wenn uns die schlauchbootlippige Königin Djamila schon bald als Markenbotschafterin von den Verpackungen leckerer Käfer-Backmischungen anlacht und das Schwab’sche „Eat ze Bugs!“ vom Meme zur offiziellen Werbebotschaft mutiert!

Wirklich neu ist die Idee natürlich nicht mehr. Abgesehen davon, dass Insekten in anderen Kulturkreisen traditionell schon lange in die Pfanne gehauen werden, begegnen sie uns auch hierzulande in letzter Zeit immer häufiger als hipper „Novel Food“. Ich selbst habe kürzlich erst eine hochpreisige Packung getrockneter Mehlwürmer in einem Bioladen entdeckt und mir spontan gedacht, dass man so etwas doch auch billiger haben könnte – indem man zum Beispiel einfach eine alte Packung Mehl im Regal vergammeln lässt, dann kommen die Viecher nämlich von ganz allein und noch dazu gratis angekrabbelt.

Unreguliert gekrabbelt werden darf in der Europäischen Union aber natürlich nicht. Stattdessen sollen Würmer, Käfer und Grillen kontrolliert und vorschriftsmäßig in unser Essen wandern. Ziel dieser Wanderung ist, wie sollte es auch anders sein, wieder einmal die Rettung des Wetters und des Planeten. Dafür müssen wir bekanntlich dringend unsere Konsumgewohnheiten ändern, allen voran unsere Ernährung. Denn die traditionellen Fleischlieferanten furzen zu viel CO2 in die Atmosphäre. Außerdem verbrauchen sie zu viel Landfläche. Insekten hingegen furzen kaum, sind genügsam und platzsparend. Es stellt sich dennoch die Frage, weshalb ausgerechnet sie dem edlen Ziel der Klimarettung geopfert werden sollen – wo uns doch immer wieder eingetrichtert wird, dass wir Menschen selbst das eigentliche Problem darstellen. Wir essen zu viel, verbrauchen zu viel und atmen zu viel. Und wir werden immer mehr. Nicht umsonst gilt Kinderlosigkeit mittlerweile als anerkannte Klimaschutzmaßnahme. Wer sich jetzt noch fortpflanzt, macht sich mitschuldig an der Apokalypse. How dare you!

Wenn Klimagerechtigkeit bedeutet, dass die Verursacher der Krise zur Verantwortung gezogen werden müssen, dann kann das auf unsere Ernährung bezogen wohl nur bedeuten, dass wir den drohenden Käfer-Genozid konsequent durch Kannibalismus ersetzen. Bitte scheuen Sie sich nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken, denn nüchtern betrachtet, werden wir ohne wirkliche (Menschen-) Opfer unsere Klimaziele niemals erreichen! Auch acht Milliarden Käferfresser sind immer noch mindestens siebeneinhalb Milliarden zu viel. Moralisch betrachtet, ließe sich das Problem so lösen, dass zuerst die als soziologisch minderwertig anerkannten Vertreter unserer Gattung zu Futter verarbeitet werden, also alte weiße Männer, Ungeimpfte und Hausbesitzer. Der Deutsche Ethikrat wird in dieser Frage sicher gerne beratend zur Seite stehen.

In dem Science-Fiction-Klassiker „Soylent Green“ von 1973 wurde diese Lösung bereits cineastisch aufbereitet, wenn auch als eher düstere Zukunftsvision. Dort wird den Menschen ein Keks-artiger Nahrungsersatz schmackhaft gemacht, der angeblich aus Plankton hergestellt wird, tatsächlich aber (Spoiler-Alarm!) aus eingeschläferten Mitmenschen besteht. Als Charlton Heston in seiner Rolle als Detective Robert Thorn die schreckliche Wahrheit entdeckt, ist es bereits zu spät. Er kann gerade noch „Soylent Green ist Menschenfleisch!“ ausrufen und ein entsprechend aufgewühltes Kinopublikum hinterlassen. Die Zukunft, die hier beschrieben wird, spielt übrigens im Jahr 2022, wir hinken unserer eigenen Dystopie also bereits ein Jahr hinterher.

Zurück zum Dschungelcamp. Auch in der nächsten Phase des Überlebenskampfes könnte furchtlosen RTL-Kandidaten eine entscheidende gesellschaftliche Vorbildfunktion zukommen. Nach nunmehr fast zwanzig Jahren wird es auch langsam Zeit für ein neues aufsehenerregendes Format, die Grenzen des Machbaren möchten wieder verschoben werden. Die Dschungel-Quoten waren zuletzt auch nicht mehr das, was sie einmal waren. In einem solchen, dem Zeitgeist angepassten Format könnten sich tätowierte Influencer künftig gegenseitig aufessen und der Sieger sich am Ende als König oder Königin der Kannibalen krönen lassen. Kostengünstiger Nebeneffekt für die jeweilige Produktionsfirma: Die nachträglichen „Wiedersehen“-Shows würden entfallen, da der Großteil der Besetzung ja bereits verspeist wurde. Sollte das Fernsehen für eine solch mutige Idee noch nicht bereit sein oder die EU-Genehmigungsverfahren für Menschenfleisch sich unnötig lange hinziehen, so bleibt unserem aktuellen Novel Food, allen voran den Würmern, dennoch ein Trost: spätestens nach unserem eigenen Ableben werden wir ihre Rache erfahren. Dann fressen ihre Nachkommen unsere verwesenden Reste wieder auf. Quid pro quo.


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