Je bunter und inklusiver sich die Regenbogen-Community heute nach außen präsentiert, desto offensichtlicher werden ihre internen Konflikte und Widersprüche. Wer darauf hinweist, begeht wohlmöglich ein Hassverbrechen. Weshalb dieser Text vorab schon mal als Tatort markiert wird.

Ein Verbrechen wird angekündigt

Seine Karriere begann bereits vor Gericht: „Give me time to realize my crime …“ Mit diesen Worten stellte sich im Herbst 1982 ein junger Mensch der Öffentlichkeit vor, der sowohl stimmlich als auch optisch für Verwirrung sorgte. Androgyne Sänger waren da zwar schon kein großes Novum mehr: David Bowie, Grace Jones und Annie Lennox wanderten zumindest optisch munter zwischen den Geschlechtern. Boy George aber war der erste Popstar der MTV-Ära, der die eigene geschlechtliche Ambivalenz, gemischt mit der fantasievollen Mode der damaligen Londoner Club-Szene, so konsequent und quasi über Nacht in den Mainstream beförderte. Noch zwei Jahre später titelte das amerikanische People Magazine „It’s a guy, it’s a girl – it’s Boy George!“ Da war dieser längst zum bekanntesten Gender Bender des Jahrzehnts aufgestiegen. Wie gesagt, er war längst nicht der einzige. Selbst eine fette Drag-Queen stürmte damals die Musik-Charts: „Divine“, die Göttliche, kam direkt aus den Underground-Filmen von John Waters in unsere Diskotheken gewackelt. „You think you’re a man“ hieß einer ihrer Hits. Was bedeutete es, ein Mann zu sein, in den ach so wilden Achtzigern? War Boy George ein Mann? Er war vor allem er selbst, ein Unikum, Künstler und Paradiesvogel, irgendwo zwischen allen Stühlen und Zuweisungen. Und er war damit extrem erfolgreich.

Moment, aber worin bestand denn dann sein Verbrechen? Mit der Justiz hatte Boy George bereits kurz nach seinem kometenhaften Aufstieg Bekanntschaft gemacht – der Preis des Ruhms: Drogen, Dekadenz, Durchdrehen, Knast. Aber darum soll es hier nicht gehen. Sein eigentliches Vergehen, zumindest in den Augen einer neuen Generation von Gender Bendern, besteht eher darin, seiner Rolle als Vorbild nicht politisch korrekt nachkommen zu wollen. „Leave your pronouns at the door!“ twitterte der Sänger vor einigen Jahren amüsiert angesichts der wachsenden Zahl jüngerer Kollegen, die ihr mediales Coming Out als „non-binary“ feiern, inklusive der dazugehörigen Personalpronomen „they/them“. Die beleidigten Reaktionen kamen prompt, denn wenn der woke Zeitgeist eines nicht verträgt, dann ist es Spott. Wie aber soll man bitte auch Leute ernst nehmen, die für jede Laune lautstark ein neues Etikett und eine eigene Grammatik einfordern?

Was ist da in den letzten Jahrzehnten eigentlich passiert? Wie sind wir von einem eher spielerischen Umgang mit Geschlechterrollen bei dieser neuen Empfindlichkeit angelangt, die selbst Boy George – vierzig Jahre nach seinem ersten Auftritt vor Gericht – wieder auf die Anklagebank bringt? Vom Culture Club zur Cancel Cuture? Dabei ist er in diesem Punkt nicht einmal der überraschendste Angeklagte.

Zwischen allen Stühlen und mitten im Mainstream: Androgyne Popstars der 80er

Die gleichen Teile

In der Reality-Show „RuPaul’s Drag Race“ trat vor einigen Jahren eine der dort wettstreitenden Drag Queens mit einer Art Spoken Words Performance auf, die sie „The same parts“ nannte. Auf den ersten Blick keine besonders spektakuläre Angelegenheit. Es war aber das wahrscheinlich letzte Mal, dass in dieser Sendung so unverkrampft und ironisch mit der Tatsache umgegangen wurde, dass Drag Queens am Ende nun mal biologische Männer in weiblicher Kostümierung sind. Oder zumindest waren. „Drag“, hierzulande einst auch als Travestie bekannt, war nie mehr als ein Rollenspiel, die Kunst der Illusion. Ein Mann inszeniert sich als übertriebene Version dessen, was die Gesellschaft als feminin versteht. Er karikiert herkömmliche Rollenbilder und nimmt sich dabei vor allem selbst nicht zu ernst. Die besten Drag Queens sind daher meist auch gute Comedians.

Auch für RuPaul, den immerhin bekanntesten und erfolgreichsten Drag-Performer der Welt, war dies bis vor kurzem noch selbstverständlich. Bis eines Tages der Zeitgeist auch bei ihm an die Tür klopfte und nachfragte, ob denn künftig auch Transgender-Kandidaten in seiner Show auftreten dürfen. Sein Einwand, dass dies vielleicht doch nicht die richtige Plattform für sie sei, wurde natürlich umgehend mit dem Vorwurf der Transphobie beantwortet. Die naheliegende Frage, weshalb Menschen, die sich selbst als Frau definieren, in einem Wettbewerb antreten wollen, der Weiblichkeit nur als Maskerade versteht, ließ sich dabei offenbar bequem ausblenden. Für andere Produktionsfirmen scheint das Motto „Get woke, go broke“ tatsächlich zu gelten, Rupaul aber ist kommerziell auf die Zustimmung der „queeren“ Community angewiesen. Und so singt nun auch er brav das Lied der Trans- und nonbinären Inklusivity – nachdem ihm zuvor schon die Wörter „Tranny“ und „Shemale“ aus dem Programm gestrichen wurden.

Die Sache mag harmlos erscheinen. Meine Güte, sollen sie halt alle mitmachen dürfen, trans, nonbinär und fluide, es ist doch nur eine Unterhaltungs-Show. Sicher, es ist aber auch ein Symptom für eine nicht ganz so harmlose Entwicklung. Gerade der Transgender-Aktivismus hat mit seinen Forderungen nach unbedingter und allumfassender Inklusion mitlerweile Formen angenommen, die nicht länger widerspruchslos hingenommen werden können. Auch weil damit, gegen alle logischen und sozialen Widersprüche, Politik gemacht werden soll. Trans Lives Matter? So einfach ist die Sache leider nicht.

Zoff unterm Regenbogen

Es gab eine Zeit, da gaben sich schwule Männer in den USA untereinander als „Friends of Dorothy“ zu erkennen – ein Code, um der damals noch drohenden Strafverfolgung zu entgehen. Dorothy war der Name jener Rolle, die Judy Garland im „Zauberer von OZ“ berühmt machte und in der sie auch ihre Hymne über die Hoffnung auf eine andere buntere Welt jenseits des Regenbogens sang: „Somewhere over the rainbow way up high, there′s a land that I’ve heard of once in a lullaby“ … Mitunter wird Judy Garlands Tod im Juni 1969 auch mit den Beginn der Stonewall Riots in Verbindung gebracht. Vielleicht war das Datum nur ein Zufall, vielleicht auch eher eine historisch-karmische Wunschvorstellung, Tatsache aber bleibt: Judy Garland war und ist eine der größten Schwulen-Ikonen des 20. Jahrhunderts, der von ihr besungene Regenbogen immer mit im Gepäck. Wenn ich mich hier explizit auf eine „schwule“ Bewegung beziehe, ist der Ärger eigentlich schon vorprogrammiert. Denn es waren, so die Legende, auch „Transfrauen“, die 1969 im Stonewall Inn rebellierten, und seitdem das T im LGBT repräsentierten. In den letzten Jahre sollte die Buchstabenreihe noch um diverse Identitäten ergänzt werden, die kleine Dorothy würde ihren Regenbogen heute nur noch schwer wiedererkennen. Wobei sich das, was einst als politischer Aktivismus begann, für mich zunehmend als narzisstischer Identitäts-Zirkus präsentiert, dem sich mit Spott alleine nicht mehr beikommen lässt.

Als homosexueller Mann sehe ich mich hier in einem moralischen Dilemma. Einerseits bin ich Teil des G in LGBT(Q+) und muss anerkennen, dass diese Bewegung auch meine Gleichberechtigung mit erkämpft hat. Als freiheitsliebender Mensch lehne ich andererseits aber auch soziale Stempel und Kollektivismen jeglicher Art ab. Diese Freiheitsliebe beinhaltet für mich selbstverständlich auch Toleranz und Respekt gegenüber allen anderen Lebensentwürfen, inklusiver derer, die glauben, im falschen Körper geboren worden zu sein. Vorausgesetzt, sie beeinträchtigen dadurch nicht meine oder die Lebenswelten anderer im negativen Sinne. Und genau dort liegt nun das Problem mit der T-Fraktion. Der aktuelle Transgender-Aktivismus agiert nämlich im gleichen Maße hypersensibel und dauerbetroffen wie gleichzeitig aggressiv und übergriffig. Wer jegliche Kritik als existenzbedrohend interpretiert, gleichzeitg aber kein Problem damit hat, seinen vermeintlichen Gegnern den Tod zu wünschen, darf sich über entsprechend scharfen Gegenwind nicht wundern. Und wer diese Einschätzung für übertrieben hält, sollte sich einmal mit dem Fall von J.K. Rowling beschäftigen oder mit dem der Biologin Marie-Luise Vollbrecht. Oder einfach mal nachschauen, was unter dem Begriff TERF derzeit so alles stattfindet.

Die Aussage „Transfrauen sind Frauen“ bzw. „Transmänner sind Männer“ wird nicht ohne Grund so gerne mit dem Zusatz „Keine Debatte!“ garniert. Weil sie nämlich keiner Debatte standhält. Wo sogenannte Nonbinäre oder Genderfluide zumindest konsequent in ihrer Haltung sind, sich nicht festlegen zu wollen, bestätigt die Transgender-Identität das binäre Prinzip und leugnet es zugleich. Die Einteilung in Männer und Frauen wurde ursprünglich ja nicht willkürlich, sondern aufgrund evolutionär unterschiedlicher Ausbildung der Fortpflanzungsorgane vorgenommen. Was sich daraus historisch an Rollenverteilungen und Unterdrückungsmechanismen entwickelt hat, setzt noch lange keine biologischen Merkmale außer Kraft. Diese Merkmale als Grundlage geschlechtlicher Identität abzulehnen, sie durch einen Wechsel der eigenen Identität aber gleichzeitig nachbilden, ja affirmieren zu wollen, ist so unmöglich wie unwissenschaftlich. Da hilft es auch nicht, Biologie durch Sozialwissenschaften zu ersetzen, denn selbst die Säulenheilige der Gender Studies Judith Butler unterscheidet schließlich eindeutig zwischen Biologie (Sex) und sozialem Rollenspiel (Gender). Gender lässt sich verbiegen, Biologie eher nicht – auch nicht durch genitale Verstümmelungen oder Hormontherapien.

Keine Debatte? Der geistige Reifegrad von Menschen, von Aktivisten und Journalisten im Speziellen, lässt sich im abnehmenden Maße daran ablesen, wie oft sie Debatten unterbinden wollen. Dabei wird nach der selben schlichten Formel verfahren, die sich bereits bei anderen „alternativlosen“ Themen (nicht) bewährt hat: Dissens ist Hass, und Hass ist keine Meinung. Oder in diesem Fall: Wer Gender-Neusprech und ideologisierter Pseudowissenschaft nicht bedingungslos zustimmt, ist transfeindlich. Und Transfeindlichkeit ist keine Meinung. Auch die Rechte von Homosexuellen wurden einst übrigens durch Debatten erkämpft. Wem das nicht gefällt, der hat vermutlich einfach keine Argumente. Wussten Sie eigentlich, dass auch schwuler und lesbischer Sex mittlerweile als transfeindlich gelten?

Nullen und Einsen: das binäre Prinzip als ultimativer Trigger queerer Identitätspolitik

Das Patriarchat gewinnt immer

Nach dem derzeitigen Stand des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes darf sich in Zukunft ein Mann kraft seiner Behauptung („Selbstauskunft“) auch ohne geschlechtsangleichende Operation als Frau definieren und somit auch ganz legal Zugang zu allen bisher Frauen vorbehaltenen Räumen und Bereichen erhalten. Für Frauen gilt das im umgekehrter Weise ebenso, aber es ist schon bezeichnend, dass es vor allem „Transfrauen“, also biologische Männer sind, die hierfür immer wieder öffentlich werben. Tessa Ganserer, Mitglied des Deutschen Bundestages – und man muss das „Mitglied“ in ihrem Fall wortwörtlich nehmen – ließ sich bereits stolz und glücklich in einer Frauensauna ablichten. Transmänner in Männersaunen wurden dagegen bisher noch nicht gesichtet.

In Camille Paglias Buch „Sexual Personae“ (1990) findet sich die These, dass Männer all das, was wir gewöhnlich unter „Kultur“ verstehen, einst als Herrschaftsinstrument über die für sie unergründliche und archaische Natur der Frauen erfunden haben. Wenn das kein perverses Gleichnis für die Haltung des Transaktivismus gegenüber weiblicher Biologie ist: Nach mehr als einem Jahrhundert Feminismus übernehmen endlich wieder die Herren das Ruder und dürfen diesmal sogar die besseren Frauen sein. So wird aus der Transgender-Ideologie die neue Kulturrevolution und aus Selbstbestimmung wieder patriarchale Fremdbestimmung. Denn was versteht schon so eine rückschrittliche Uterus-Person von wahrer Weiblichkeit!

Das ebenso Absurde wie Tragische an der aktuellen Entwicklung „queerer“ Identitätspolitik ist für mich die Einsicht, dass hier wieder einmal eine im Ursprung progressive Idee in ihr Gegenteil gekippt ist. Statt der Befreiung aus Zuschreibungen und Schubladen werden immer neue Schubladen und Beflaggungen verordnet, statt individueller Entfaltung wird wieder nur Gruppenbildung gefördert. Wenn heute ein Junge zum Beispiel nicht mehr einfach etwas femininer oder ambivalenter auftreten darf, ohne dass er sich für eine dieser Gruppen entscheiden muss oder ihm sogar eingeredet wird, im falschen Körper zu stecken – was in letzter Konsequenz eben auch suggeriert, kein „richtiger“ Junge zu sein – werden damit letztlich wieder dieselben homophoben Vorurteile bestätigt, die wir doch angeblich mal überwinden wollten. Ein ideologisches Hufeisen zurück ins Reaktionäre, saubere Arbeit. Oh Boy!

Norman Bates darf nicht zum CSD (Nachtrag)

Es gab mehrere Anlässe für diesen Text. Einer davon war der Dokumentarfilm „Disclosure“ auf Netflix, der die Darstellung von Transgender-Menschen in der Filmgeschichte zum Gegenstand hat. Nun ist das Medium Film auch schon mehr als hundert Jahre alt, Transgender als gesellschaftliches und damit auch als cineastisches Thema dagegen noch relativ jung. Weshalb in der Dokumentation bei den meisten älteren Beispielen auch eher auf Darstellungen des „Crossdressings“ zurückgegriffen wurde – ein etwas schiefer Bezug, der seinen absurden Höhepunkt erreichte, als Alfred Hitchcocks „Psycho“ an der Reihe war. Den gestörten Norman Bates als Beispiel für negative Transgender-Stereotypen heranzuziehen, war eine Moralakrobatik, mit der ich so wirklich nicht gerechnet hatte. „What the fuck, Hitchcock!“ kommentierte Laverne Cox, Moderatorin und Produzentin von „Disclosure“ (und selbst Transgender) das cineastische Vergehen.

What the fuck, Hitchcock: Bates Motel als Tatort vermeintlicher Transphobie

Ja, what the actual fuck? Die Geschichte des Norman Bates in „Psycho“ basierte (ebenso wie später die des Buffalo Bill in „Das Schweigen der Lämmer“) auf dem sehr realen Vorbild von Ed Gein, einem berüchtigten Mörder und Leichenschänder aus Wisconsin, der nach dem Tod seiner streng religiösen Mutter alleine auf seiner Farm lebte und sich unter anderem aus der Haut seiner Opfer Kleidungsstücke nähte. Letzteres Detail war dem Kinopublikum von 1960 wohl noch nicht zuzumuten (der Film war für damalige Verhältnisse auch so schon schockierend genug), weshalb sich Norman Bates in Hitchcocks Interpretation in die Kleidung seiner Mutter hüllt und statt menschliche Leichenteile zu sammeln lieber Tiere ausstopft. Die Filmgeschichte retrospektiv als transphob anzuklagen ist eine Sache, die Kriminalgeschichte gleich mit, ist mehr als ambitioniert. Ich habe an der Stelle abgeschaltet, weil ich diesen selbstgerechten und narzisstischen Unsinn nicht mehr ertragen habe.


Zur weiteren Lektüre möchte ich noch diesen Text auf dem Blog „homo duplex“ empfehlen, der sich etwas ausführlicher mit dem Stand aktueller Transgender-Politik am Beispiel der „Gender Affirmative Healthcare“ in den USA beschäftigt.


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